Ach, Anna. Der kalte Wind weht über den Platz vor der weißen, erhabenen Kirche mit der türkisen Kuppel. Auf den Stufen sitzen vereinzelt Menschen, sie zittern leicht vor Kälte. In der Nationalbibliothek brennt kein Licht mehr. Die schweigendenden Großstadtgestalten eilen heim.
Der alte verlotterte Mann schmettert nostalgische Arien, als könnte er den Platz erwärmen. Morgen sitze ich im Flieger, Anna. Der Tomatensaft wird in meiner Kehle brennen, weil man ihn nur mit Pfeffer trinken kann. Vielleicht brennt er einfach die Erinnerung an Deinen Kuss aus meinem Mund.
Ich stehe auf. Die russischen goldzähnigen Touristen tragen große Moomins umher. Du fandest Moomins immer bescheuert Anna, Du sagtest, sie seien behinderte Nilpferde. Als Du auf einer Party in mich hineinliefst, mir nur Dein finnisches Lächeln schenktest, dein perlweißes Licht mit kühlen blauen Augen, war ich sofort verliebt. Du warst kalter Schnee am Tage und verbrennendes Feuer des Nachts, Du fluchtest in einem ruhigen Ton, fast freundlich. Doch Dein Gegenüber fühlte sich sofort zerfleischt. In einer Minute wechseltest Du von Glut zu Eis. Und ich habe Dein Wechselspiel, Deine unangepasste Art abgöttisch geliebt.
In den zwei Monaten, Anna, haben wir viel gesprochen. In Deiner kleinen Wohnung wehte der nordische Wind durch die undichten Fenster. Wir lagen auf der Matratze, hörten eine finnische Band, bestimmt mit Kajalaugen und versuchten uns auf Englisch unsere Lebensgeschichten zu erzählen. Ich sah Dich oft an Deinem Arbeitsplatz, dem kleinen Café am Meer mit der Cola für vier Euro. Du reichtest mir ein Getränk, strichst eine weiße Haarsträhne hinter Dein filigranes Ohr und flüstertest „rakastan sinua“, die Liebeserklärung in der finnischen Sprache. Mehr brauchte ich nicht, ich hatte noch Geld und ließ mich mit Dir zusammen im kalten Wind treiben, versank in Deinem Augenmeer.
Ach, Anna. Eines Tages wachte ich ohne Dich auf. Dein Rucksack mit den bunten Taschen war weg, Deine Zahnbürste, Deine CDs. Auf der Matratze lag ein Zettel. „I’m sorry„, stand dort in krakeliger Schrift. Im Café sagte man mir, dass Du gekündigt hattest. Dass Du weiterziehen musstest, dass Du oft davon sprachst, die Welt zu sehen. Du warst wirklich eiskalt, Anna. Und ich habe Dich nicht wärmen können. Wahrscheinlich konnte niemand Dein Sinuskurvengemüt halten.
Ich stehe immer noch vor der weißen Kathedrale. Der Himmel ist grau, die Vögel sind in den Süden gezogen. Im Souvenirladen kaufe ich einen Moomin, nur, um dich zu ärgern Anna, um Deinen Einfluss fortzuwehen.
Ich vermisse Dich. Aber mich hält hier nichts mehr. Und überhaupt war es eine schwachsinnige Idee, Dir zu folgen. Hoffentlich brennt der gepfefferte Tomatensaft Deine Küsse aus mir.
