Grüne Insel (Sweek, #MikroAngst)

Er nimmt meine Hand, seine Finger verhaken sich in meinen, wir sind die letzten Puzzleteile, gesucht, gefunden. Die Sonne geht unter, wir sehen ihre Farbgemälde zwischen den Bäumen. Der Staub des Waldwegs kratzt in meinen Lungen, ich atme trotzdem tief ein, es riecht nach Sommer, wie in einem Liebesroman. Gleich werden wir uns zwischen den grünen Blättern wälzen, während die aufkommende Düsternis Sonnengemälde verschlingt. Oft war die Nacht mir unheimlich. Doch mit ihm habe ich niemals Angst.

Er sagt nichts, schlendert entspannt neben mir. Mit seiner anderen Hand streicht er eine Strähne hinter das Ohr. Gleich sind wir da und ich werde in dieses Ohr flüstern, wie sehr ich es mag. Es wird zauberisch dunkel. Fast ist es soweit. Unser Ort ist eine kleine Wiese. Hier fanden sich unsere Lippen. Wir redeten nie viel, waren stumme Puzzleteile an einem geheimen Platz, das Schweigen war unsere Insel und wir konnten stundenlang Inselbewohner mit verhakten Fingern, verwobenen Lippen sein.

Er legt mich hin. Zieht sein Hemd aus, streicht eine Strähne aus seinem filigranen Gesicht. Ich bin aufgeregt, heute wird es passieren. Nicht nur ein verwobener Kuss. Es wird mehr. Ich schließe die Augen. Auf einmal zuckt ein spitzer Schmerz durch mein Ohr. Ich fühle warmes Salz auf meiner Haut. Es brennt. Ich bin nun taub, auf einer Seite höre ich das leichte Schmatzen. Die Nacht ist doch beängstigend, ein schwarzes Loch mit losen Ohren.

„Gut getarnt, oder?“ Sein blutverschmierter Mund ist mein letztes Bild. Und Dunkelheit verschlingt alles.

Hinterlasse einen Kommentar