Wir sagen es ihr einfach nicht. Oder wir erfinden. Die Realität ist modifizierbar, besonders, wenn man fünf Bier im Magen hat. Annika läuft vor uns, die enge Hüfthose zwinkert fast. Außerdem wirft sie ihre schwarzen Haare nach hinten. Das ist bestimmt ein laszives Signal. Gleich, in der nächsten Kneipe, werde ich sie fragen, ob sie mit mir tanzen geht, doch bis dahin müssen wir die Realität formen. Tom stupst mich an. „Rufst du auf diesem Fahrtenhandy an, Alter?“ Ein dummer Anruf trennt mich von Annika. Von der Chance. Ich wähle, meine Finger zittern ganz leicht, die Nachtlichter der großen Stadt verschwimmen, im Hintergrund kichert der Rest meiner Truppe.
Die seufzend-konsequente Lehrerstimme meldet sich. Ich improvisiere die neue Realität. Wir haben uns verfahren. Meine Tante wohnt auch in Berlin. Sie ist Sozialpädagogin, weil Sozialpädagogen Vertrauen implizieren. Ja, sie holt uns ab. Am anderen Ende der Leitung werden Konsequenzen angedroht. Ausgehverbot, Elternanruf und all das, was eine freiere Interpretation der Regeln mit sich bringt. Der Hörer seufzt und keift fast, bemüht sich um die Reste der Sachlichkeit. „Neue Sachlichkeit“, denke ich und lache fast. Der Deutsch-Leistungskurs taugt immerhin für Flachwitze. Jaja. Die Tante kommt gleich. Ich lege auf.
In der Kneipe riecht es nach klebrigen Holztischen. Wir bestellen weiter Bier. Annika sitzt leider woanders, sie unterhält sich lebhaft und ich fühle mich wie der letzte Idiot. Ich kann sie nicht hören, ich sehe nur, wie sie ihr Haar zwirbelt, Strähne für Strähne. Vielleicht ist sie einfach nur neurotisch. Aber ihr perlweißes Lächeln lässt das Stimmgewirr für mich verschwinden. Die modifizierte Realität ist nicht nur eine imaginäre Tante. Sie ist auch Annikas Lächeln für mich allein.
Tom setzt sich zu mir. Wir bestellen Tequila. Morgen trinke ich einen Liter Wasser, dann merkt niemand, dass der Alkohol mir die Großstadt schmückte. Wir reden über Nichtigkeiten, der Abend verschwimmt. Auf dem Rückweg halt Annika sich woanders unter, aber ich bestaune immer noch ihre Perlzähne in der Nacht. Vielleicht wird sie morgen beim Frühstück an mir vorbeistolzieren, mit ihren nackten Knöcheln und der engen Hose. Vielleicht wird sie wissen, dass ich den Ärger auf mich nehme. Noch ein Tequila lässt mich zum imaginären Helden werden. Nur heute. Nur morgen. Vielleicht.
Wir sagen es ihr nicht. Im Hotel baut sie sich schon bedrohlich auf. Mit verschränkten Armen empfängt sie uns. Ich nehme alles auf mich, doch vergesse die Tante, nur noch sinnlose Wortbrocken verlassen meinen Mund. Alles dreht sich und ich kotze vor die Füße der konsequenten Lehrperson. Annika lacht ihr weißes Lachen, ihre Haare wirbeln nun allein. Alle anderen schweigen, das Schweigen summt fast in meinen Ohren. Wir sagen es ihr nicht.
Am nächsten Abend liege ich allein im Zimmer. Auf der weißen Decke klebt eine Nudel mit angetrockneter Tomatensoße, vielleicht spielte man hier betrunkene Spiele in der letzten Woche. Manche werfen Teigwaren. Andere modellieren die Realität und leben mit den Konsequenzen. Ich puste nach oben. Die Nudel bleibt. Ich war ein Held und Annika wird es irgendwann bemerken. Ganz bestimmt.
