Das Radio knarrt. Ich tippe auf die Tischplatte, mein Finger führt ein Eigenleben. Er malt Kreise im Takt der Musik. Duran Duran singen „Ordinary world“, ich versuche zu überleben mit Deinem einfachen Kuss, der sich in mein Gehirn gefressen hat. Wie die Radiogeräusche ist er nun ständig da, ich kann ihm nicht entkommen, er isst meine Neuronen auf. Meine Synapsen. Mich.
Gestern saßen wir noch auf dem kleinen Spielplatz, weil man dort heimlich rauchen konnte. „Bald haben wir Abitur,“ sagtest Du und blicktest verloren in die Baumwipfel über dem Klettergerüst. Du warfst Deine blonden, glatten Haare mit einer Bewegung fast in mein Gesicht. Du warst so lässig, so selbstverständlich, dass ich plötzlich erstarrte. Du machtest eine rosa Kaugummiblase, spieltest mit den Kopfhörern Deines Walkmans, löstest die Knoten, Deine langen Finger durchbrachen das Labyrinth. Ich dachte an Silverchair und den anderen Grunge-Kram auf Deinen chaotischen Kassetten, an die Baumwipfel, die untergehende Sonne. Das Abitur und Deine Pläne in der großen Stadt, ganz weit weg. Statt des Kopfhörers stecktest Du plötzlich Deine Zunge in mein Ohr. Danach in meinen Mund. Mir wurde warm, obwohl ich so erstarrt war. Wir küssten uns. Es war ganz anders, vertraut und fremd. Das Klettergerüst sah uns zu, während die Nacht sich über das Dorf senkte. Ich war aufgelöst in diesem Moment. Deine Haare kitzelten meinen Oberarm, fast lachte ich und die Stille verschluckte die Geräusche. Du brachtest mich heim, wir umarmten uns wie immer und doch fraß Dein Kuss gestern schon meinen verwirrten Kopf.
Das Radio knarrt. Ich male weiter Kreise, meine Fingernägel graben sich verloren in die Tischplatte. Heute treffen wir uns wieder nachts auf dem Spielplatz, die Musik ist auf einmal unwichtig. Wir werden uns ordinary küssen, vielleicht überlegen, zusammen zu verschwinden, damit wir nicht zum Gesprächsthema des Dorfes werden. Wir klauen ein Auto, Du wirfst Deine Haare zurück und wir fahren an einen fremden Ort, eine große Metropole, wo uns niemand kennt. Vielleicht nehme ich eine Kassette für Dich auf, für Dich, Deine Kaugummiblasen und unser neues Geheimnis.
Meine Mutter stellt Käsekuchen auf den Küchentisch. Sie macht das Radio aus und schnattert über die Tochter der neuen Bäckerin. Den Sohn der Schneiderin, vielleicht nehmen die Jugendlichen auch Drogen. Feiern zu viel. Knutschen zu wild.
Ich unterbreche meine Kreisgedanken. Vielleicht wird der Fluchtplan doch nicht so einfach, aber wir haben noch ein paar Wochen. Und nur das Klettergerüst schaut uns zu. Niemand sieht, dass Deine Zunge meine Synapsen verschlingt. Uns fällt etwas ein. „I will learn to survive…“
