Frösche am Rande der Stadt

Der Himmel war dunkelgrau. Schwere Wolken hingen über den Hochhäusern, als würden sie diese einfach erdrücken. Im Innenhof sangen verlotterte Katzen ein seltsames Lied.

Vielleicht waren sie nur beleidigt, weil die Nachbarskinder ihnen Kaugummis in das struppige Fell schmierten. Es roch nach Gewürzen, vielleicht kochte jemand sehr motiviert. Ich stand am Fenster. Der Zigarettenstummel glimmte. Meine Gedanken schweiften ab. Nächstes Jahr würde ich von hier verschwinden, die Siedlung verlassen, mit dem Gewürzgeruch und dem zerkritzelten Fahrstuhl, in dem zehn Mal „I love Kurt Cobain“ stand. Kurt Cobain hatte sich schon längst die Rübe weggeballert. Ich musste hier weg.

Irgendwo in der Stadt sprudelte das Leben. In den Bars saßen Menschen, tranken teuren Wein und philosophierten über das Leben. Sie gingen in ihre Katalogwohnzimmer, aßen die Sushireste und schliefen wohlstandssatt einfach ein, während mein Wecker nachts klingelte, ich die Zeitungen austrug und mit Tintenfingern zur Schule fuhr, mir eine Zigarette drehte, heimlich auf dem Schulhof rauchte und in den Unterricht schlurfte.

Der Himmel war dunkelgrau. Und ich wieder allein daheim. Alle hatten Spätschicht. Mein Bruder schlich um die Häuserblocks und hörte Musik aus billigen Handyspeakern. In der Siedlung machte man das so, es war fast ein ungeschriebenes Gesetz, die Ghettojungen hörten Ihresgleichen zu, kauften Tetrapackwein im Netto und lebten das pure Klischee. Ich wartete auf meine Familie und setzte Nudelwasser auf. Jeden Tag.

Die Katzen führten ihre Beschwerdegespräche fort. Ich drückte die Zigarette aus. Stellte mir vor, wie der Himmel aufbrechen könnte. In meinem Kopf regnete es Frösche, wie in diesem einen Film, dessen Name mir schon lange entfallen war. Frösche bedeuteten dort Unheil, eine komische Verheißung. Für mich wären sie sehr praktisch. Sie würden einfach vom Himmel fallen, in Windeseile alle auffressen, die Siedlung leer räumen, mit den Katzen Tiergeräusche austauschen und einfach in die Stadt verschwinden, Quak und tschüss.

Ich würde als einzige Person überleben, meine Sachen packen, irgendwas in den Fahrstuhl kritzeln, „I love Frösche“, oder so. Danach würde ich einfach mit meinen zerschlissenen Turnschuhen verschwinden. Das Froschfutter brauchte auch keine Zeitung mehr, ich wäre frei. Keine Schule. Keine Nudeln für die Spätschichtfamilie. Kein Ghetto-Rap. Ich sah zu den Wolken. Nichts passierte. Nur die Katzen sangen schiefe, maulige Lieder. Ich schloss die Augen. Meine Zeit würde kommen. Und fast färbte sich der Himmel grün.

 

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