Anaïs
Seitdem ich in Deine grünen Augen blickte, ist der Schlaf hinfort. Seit drei Nächten zähle ich imaginäre Tiere, die über einen erfundenen Zaun springen, sitze minutenlang auf der Bettkante, sehe Schatten, die mir manchmal bedrohlich erscheinen, gehe zum Kühlschrank, der nur Cola beinhaltet. Vielleicht ist es nicht die beste Idee, nachts Koffein und Zucker zu konsumieren, aber was bleibt mir noch? Seitdem Du mit Deinen Grünaugen in meinem Gehirn herumgebohrt hast, ist der Alltag nebensächlich. Du brachtest tausend Fragezeichen und den leichten, unbestimmt stechenden Geruch der Gefahr, die ich nicht erklären kann. Wenn Du mir schriebst, wolltest Du mit mir in kalte Länder reisen, mit meinen kupferfarbenen Locken im Wind spielen. In meinem Kopf wanden sich die Haare bereits um Deine dünnen Finger, ich war verliebt in die Vorstellung, Deine Metaphern. Trotzdem schienst Du undurchschaubar.
Bei unserem Treffen kautest Du unsicher an Deinen Fingernägeln, die kühne Sprache war verschwunden, Du schautest auf die Tischplatte im Café, der durchbohrende Blick des ersten Fotos war komplett unsichtbar. Du trankst Deine Cola fast in Zeitlupe, vielleicht war das Getränk doch das Einzige, was uns verband. Verunsichert verfiel ich in Belanglosigkeiten, erzählte Dir, dass meine Mutter gerne französische Romane las und ich deswegen diesen seltsamen Namen trage, der so gar nicht passend für eine Frau in einer deutschen Großstadt erscheint. Du nicktest und schautest weiter nach unten. Am Ende schenktest Du mir doch einen dieser gefährlichen Blicke, die ich nicht deuten konnte, Deine Katzenaugen bohrten sich wieder in meine Synapsen und spielten mit ihnen, ich fror und schwitzte. Bevor ich etwas sagen konnte, warst Du phantomartig verschwunden. Und nun sitze ich mit der Colaflasche auf dem Bettrand, knete meine Haare und zerpflücke die Stunden mit Dir, die Worte davor und die Möglichkeit, die Gefahr zu deuten, aber Dich unbedingt zu sehen.
Tom
Sie sitzt mir gegenüber. Ihre kupferfarbenen Locken sind vorne lose, der Dutt löst sich ein wenig im Wind. Ihre Stimme ist unfassbar melodisch, sie erzählt nervös. Ich fokussiere die Tischplatte. Warum hab‘ ich mich überhaupt auf ein Treffen eingelassen? Ich werde mich verlieben, in diese einzelnen Strähnen, die fast poetisch in ihrer Bewegung sind, in ihre Art, bestimmte Wörter zu akzentuieren und in dieses Aufgeregte, Sprudelnde in ihr. Wir werden uns beim nächsten Treffen küssen, unsere Finger ineinander verschränken, während die angehenden Lichter der Stadt uns suggerieren, dass die anbrechende Nacht alle Seelen öffnet und Liebende umfängt. Spätestens beim dritten Rendez-Vous werde ich sie einweihen müssen. Und dann wird sie ihre Locken schütteln, sich losreißen und gehen, wie die Frauen vor ihr. Dann bin ich wieder der schüchterne Freak, der im Internet Briefromane mit Metaphern verfasst und im realen Leben die Tischplatte fokussiert. Der Stoff für Mädchenromane. Mit der Rolle des Typen, der in der Schule mit dem Kopf in der Mülltonne stecken würde. Ach, Anais. Ob Du gerade Cola trinkst und Deine Locken zwirbelst? Ich vermisse Dich jetzt schon.
Anaïs
Die Colaflasche ist leer. Ich werfe sie schwungvoll in die Ecke und schreibe Dir doch. Die Antwort lässt auf sich warten, ich starre auf das Display und reiße vor Nervosität fast ein paar Haare aus. Die Minuten vergehen nicht, sie ziehen sich, wie diese neumodische, neonfarbene Knete, die Zeit ist schleimig und grün. Endlich erscheint eine Nachricht, wir sehen uns morgen, Du bist auch ein schlafloser Colasüchtiger in der sich ziehenden Nacht. Wir treffen uns in der kleinen Bar mit den Blumen an der Decke. Vielleicht können wir danach in einen Club gehen, wo wir einfach zu stumpfer Musik tanzen, ich einen Kuss auf Deinen filigranen Lippen lasse und der Alkohol Deine Ängste ein wenig auflöst. Auf einmal verschwimmen meine Gedanken, die Müdigkeit kommt schlagartig, ich lege mich versuche nun, den Schlaf zu finden, ruhig zu atmen. Vielleicht verstummen die Fragezeichen kurzzeitig.
Tom
Sie möchte mich sehen. Meine Finger zittern ein bisschen, als ich über mein Display streiche, ich könnte ihr einfach schreiben, dass sie mir nicht gefällt, wir zu verschieden sind, ich eine andere Option habe, all‘ das, was man eine Ausrede nennt. Ich fange an, die Nachricht zu verfassen, dann fällt mir ein, wie sie mit ihren Haaren spielte, mich ansah, obwohl ich den Blick nicht erwiderte, zwei Stunden versuchte, ein Gespräch zu initiieren, mich zu begeistern, obwohl ich kaum reagierte. Anais war hartnäckig, und irgendwie anders. In Briefromanen ist die Angebetete immer eine besondere Blume, ich hatte sicher zu viel gelesen, der Freak in mir wurde wieder sentimental. Ich musste sie sehen. Ich beschloss, sie morgen einzuweihen, wenn sie meine besondere Briefromanblume war, könnte sie vielleicht doch ertragen, dass ich von toten Gehirnen lebte.
Anaïs
Ich wartete an der Bar. Heute trug ich meine Haare offen, mit einem Kilo Schaumfestiger, wie in diesen Frauenzeitschriften, die ich nur im Wartezimmer des Zahnarztes las. Vielleicht wollte ich mich mit der übertriebenen Schönheitspflege nur ablenken, von der unterschwelligen Gefahr und meinen seltsamen Gefühlen zu Dir. Du kamst auf mich zu, umarmtest mich nicht, ich wich instinktiv etwas zurück, weil ich Dich nicht noch mehr verunsichern wollte. Wir setzten uns an einen kleinen Holztisch, im dunklen Raum blicktest Du mich nun doch an, Du strecktest mir Deine dünne, blasse Hand entgegen, verschränktest Deine zittrigen Finger in den meinigen und fingst heiser an, deine Geschichte zu erzählen. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, aber ich starrte gebannt in Deine Augen, fühlte Deine Hand in meiner – und war entgültig verliebt. Der Sinn Deiner holprigen Worte drang kaum zu mir durch, es war wie in Arztserien, wenn der Patient rückwärts zählen soll, bevor er in die Narkose hineinfällt, die Stimmen verzerrt klingen und der Nebel einsetzt.
Als Du „tote Gehirne“ sagte, hörte mein Narkosezustand schlagartig auf, ich erwachte und krallte mich an Deiner Hand fest, meine Finger hinterließen kleine Abdrücke auf der weißen Haut. Nun wurde mir fast alles klar. Du, mein grünäugiger Intellektueller, warst ein Zombie. Der stechende Gefahrgeruch, die Vorahnung kroch wieder durch meine Nase.
Tom
Als ihre warme Hand in meiner lag, war die Angst nur noch ein leiser Schatten in meinem nervösen Hinterkopf, eine unterschwellige Ahnung. Es klingt vielleicht unlogisch, aber ich war kitschig bereit, ein richtiger Briefromanschnulzer, der sein eigentliches Ungeheuerherz auf den alten Holztisch legte, ich sah es vor mir, es pochte zwischen mir und Anais, wie in dieser Serie, in welcher die böse Königin Herzen herausreißt, manipuliert und dann zerstört. Anais würde es nicht zerquetschen. Ihre Locken umrahmten perfekt den sonst aufgeregten Kopf, heute war sie leise, sie hörte zu.
Ich erzählte ihr, wie ich in meiner Jugend spät umherlief, ich war jung und betrunken, die Nacht erschien mir nicht gefährlich, ich fühlte mich kurzzeitig unschlagbar. Vor dem Waldstück, der meinen Weg abkürzen sollte, wurde ich von zwei Typen festgehalten, ich sah nur ihre roten Augen, die im Dunkeln leuchteten, wie Vorboten einer apokalyptischen Zeit. Der Schmerz war ganz leicht, ich hörte das Kratzen, dann ein leichtes Stechen. Sie ließen mich los. Ich war fast erleichtert, dass sie mir nichts Schlimmeres angetan hatten. Erst am nächsten Tag kam das penetrante Surren in meinen Innereien, ein kaum zu beschreibendes Gefühl, ein wahnsinniger Hunger. Die Nacht leitete mich zu den Gräbern, ich grub aus und aß. Das Surren verstummte. Ich führte ein normales Leben, niemand wusste von meinen nocturnen Aktivitäten, zumal ich tagsüber normal Getränke zu mir nahm. Doch war ich einsam, unbemerkt und nur mutig im Internet. Bis heute. Das war das Ende meiner fast klischeehaften Geschichte. Nun wartete ich auf ihre Reaktion.
Anaïs
Nach einem kurzen Narkoseaufwachmoment schaffte ich es, Dir weiter zu folgen. Du erzähltest, Dein Blick wurde zunehmend fester, die Eindringlichkeit Deiner grünen Augen war nun sichtbar, Du kralltest dich in meine Hand, sprachst von dem Zufall, der alles veränderte, Deiner Einsamkeit, dem Doppelleben, dem surrenden Hunger Als Du fertig warst, sahst Du mich an, Deine Iris funkelte sogar im Dunklen der Bar. Du seufztest fast erleichtert und wartetest. Diesmal nippte ich kurz an meiner Cola, um die Gedanken zu beruhigen. Vielleicht wäre ein Doppelleben sogar aufregend. Ich könnte überall arbeiten, ein Freelancer-Mädchen in jeder Großstadt sein, mit einem Laptop im Gepäck. Wir könnten tatsächlich in fremde, kalte Länder reisen, Gehirne gab es überall, vielleicht würde man sie bald sogar in Laboren synthetisieren, die Forschung entwickelte sich weiter. Ich wollte Dich, Deine poetische Sprache und Deine Katzenaugen, Du warst stechende Gefahr, Wagnis, aber auch ein unerklärliches Gefühl bohrender Sehnsucht. Ich stand entschlossen auf, Du erschrakst, schautest wieder zur Tischplatte. Ich ging zu Dir, nahm Dein blasses, wieder unsicheres Gesicht in beide Hände und drückte einen Kuss auf Deine dünnen Lippen.
