Novij God

Der Boden vibriert musikumwoben. Ich sitze mit angezogenen Knien herum, spüre die Chipsüberreste, die leichte Feuchtigkeit des angeblich aufgewischten Proseccos, meine Gedanken verlieren sich im leichten Biernebel, es läuft Neunziger-Pop, eine helle Frauenstimme im Refrain, ein sinnloser Rap, um die Strophen zu füllen. Trotzdem liebe ich diese Musik, sie war der Soundtrack der Gesangsübungen vor dem Spiegel, der Traumgeschmack der Mini Playback-Show, durch die Zauberkugel, Glitzer und fremde Welt, mit der Bravo-Hits im Discman und Bonbonarmband am Handgelenk. Jemand tippt mich an, setzt sich auf den feuchten Chipsproseccoboden, brüllt mir ungefragt Fakten über sich selbst in mein strapaziertes Ohr. Freelancer, lallt er, Werbeagenturen, besoffski, hihihi. Ich nicke mechanisch, aber meine Gedanken sind wie bei der Mini Playback Show, ab durch die Zauberkugel. Guten Rutsch.

Früher war der Silvesterabend besonders. Schon morgens spürte ich als Kind, dass Aberglaube und gute Zeichen in der Luft lagen, eine große Verheißung, ein neues Jahr, welches zart anklopfte. In der kleinen Wohnung stand der geschmückte Baum erst kurz vorher, er staubte nicht eine ganze Adventszeit herum, weil diese Zeit nicht existierte. Es gab das beginnende neue Jahr, an dem ich lange aufbleiben durfte. Väterchen Frost im roten Kostüm mit Bommelmütze, seine Enkelin, das Schneemädchen im türkis-weißen Kleid und glitzernd-filigraner Haarkrone kamen vorbei, zwei Wesen, fast nicht von dieser Welt, die Winterruhe und die schneeweiße Verheißung des bald beginnenden neuen Jahres. Ich sagte bestimmt Gedichte auf und bestaunte das Schneemädchengewand, weil ich damals überzeugt war, dass es diese Wunder wirklich gab, sie in einem verschneiten Wald wohnten, schwarzen Tee tranken und Geschenke sortierten. Meine Geschenke waren Bärenkuscheltiere und ein ferngesteuertes Auto, welches ich später als Grobmotorikerin mit tausend Krachunfällen in alle Ecken der kleinen Wohnung fahren ließ. Aber zum neuen Jahr war das komplett egal, die zauberische Verheißung schwebte herum, wie Väterchen Frost, der eigentlich Onkel Fedja aus dem Haus gegenüber war.

Früher war der Silvesterabend besonders. Meine Mutter kochte kiloweise Essen, damit man schon von den Vorspeisen satt wurde, bevor es überhaupt Hauptgericht und Kuchen gab. Der Tisch war ein Meer aus Herzhaftigkeit, auf geblümten Goldrandtellern türmten sich russischer Kartoffelsalat, tausend Häppchen, Salzgurken und Hering im Rote Bete-Mantel, den ich nie mochte, aber trotzdem aß, um mit hinterher roten Fingern auf der kleinen Fernbedienung herumzudrücken. Die Erwachsenen tranken Kurze und sangen bei den Musikclips mit, die an diesem Abend besonders ausgewählt waren.

Sogar das russische Fernsehprogramm war besonders, alle diese Nataschas, Olgas und Dimas, die über Liebe und Eifersucht sangen, sie hatten besonders glitzernde, Hemden und goldene, kurze Kleider, sehr fein gelegte Lockenwicklerlocken, sehr gute eingängige Melodien, die während des neues Jahres Ohrwürmer blieben, immer und immer wieder. Die Lieder waren melancholiegetränkte gelbe Tulpen, grüne Wälder und frühlingshafte Mädchengeburtstage in purer Nostalgie. Manchmal tanzte ich mit einem Haarbürstenmikrofon vor dem Fernseher, bis Mama mich um kurz vor Mitternacht unterbrach, um die Ansprache des Präsidenten zu hören. Alle bei uns trinkenden Onkel und Tanten, die man so nannte, weil sie Freunde meiner Eltern waren, sie versammelten sich vor dem Fernseher, hörten die schmalzige Rede, schauten das Feuerwerk in der Übertragung an. Kurz nach zwölf, wenn das frische Jahr begann, brachte man mich ins Bett, ich war müde, geschenkberauscht und vollgefressen, vergaß aber niemals, meinem imaginären Thomas Anders „Gute Nacht“ zu sagen, denn neben allen Nataschas, Olgas und Dimas war ich überzeugt, dass Thomas Anders mein Lieblingsmensch war und er mich ganz irgendwann heiraten würde, ich zöge dann mit ihm nach Deutschland, um in seinem Cadillac herumzufahren und Eis zu essen. Natürlich wünschte ich ihm auch ein gutes neues Jahr, er brauchte schließlich viel Kraft, um mich im fernen Leningrad zu finden.

Am nächsten Morgen lag meistens Schnee, wir aßen Heringsreste und telefonierten den ganzen Tag mit Babuschkas oder Tanten, um alle zu diesem neuen Jahr zu beglückwünschen, welches noch so frisch, neu und hoffnungsvoll war, draußen lag Schnee und unser Hochhausort sah irgendwie frischer aus, ein neues Kapitel in einem neuen Buch. S novim godom. Frohes neues Jahr!

„Frohes Neues“, brüllt der Freelancertyp in mein Ohr. Die russische Erinnerungsdecke gleitet davon, ich sitze immer noch auf dem Chipsproseccoboden, starre Löcher in die verrauchte Luft, um mich herum liegen sich alle in den verschwitzten Trashpoptanzarmen, der Typ fragt, ob alles OK sei. „Früher war mehr Hering“, denke ich, entfliehe der obligatorischen Umarmung, stehe endlich auf, obwohl alles eingeschlafen und festgeklebt ist. und verlasse die Wohnung. Draußen ist kein Schnee, aber fast weiß schimmernder Wind.

Am letzten Dezembertag kaufe ich mir diesmal eine russische Telebox, bestelle Teigtaschen und tanze alleine. Dann löst sich die warme Nostalgie nicht in Chipsprosecco auf.  S novim godom!

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