Die Nesseln sind meine Freunde, sie empfangen mich im kleinen Waldstück neben dem grauen Gebäude. Ich ziehe mich langsam aus, erst die Schuhe, dann die Socken, die Kapuzenjacke. Einen BH trage ich seit Wochen nicht. Dort, wo nur Irre leben, muss man nicht attraktiv sein. Ich setze mich auf den unebenen Waldweg, gleich werde ich meinen Körper beugen, mich für einige Sekunden in die Nesseln legen, fühlen, dass ich nicht nur ein Geist bin, eine unförmige Masse, die sie im Stuhlkreis zu formen versuchen, mit all diesen angeblich heilenden Worten, Tanztherapien und Töpferkursen.
Ich lege mich hinein. Es brennt unfassbar, aber für Sekunden jagt das Adrenalin Leben in meinen Körper. Die Nesseln sind meine Freunde. Ich bin lebendig, schließe die Augen, atme schnell. Ich bin Rausch und Moment.
Als ich meine Augen öffne, blicke ich direkt in das verhärmte Gesicht von Schwester Martha. Es war klar, dass sie mich erwischt. Sie ist ziemlich sportlich, kein Dürrenmatt-Physiker könnte ihr etwas antun. Widerstand ist zwecklos. Ich beiße die Zähne zusammen, ziehe mich langsam an, um das Gesicht zu ärgern – und gehe mit. Nur die Pusteln werden mich erinnern. Die Nesseln waren meine Freunde, aber ich werde wohl mit ihnen niemals gesund.
