Archiv des Autors: pavotrouge

Sinuskurvenherz (Sweek, #MikroHerz)

Es raste, holperte, schlug unregelmäßig. Im Internet stand, zusätzliche Herzschläge sollten kardiologisch abgeklärt werden. Ich trommelte mit den Fingern. Die Tischplatte antwortete nicht. Ein nervöses Kribbeln schob sich durch meine Rückenwirbel. Vielleicht war die Bandscheibe einfach kaputt. Oder ein großer imaginärer Tumor sprach mit meinem Rückenmark. Die Uhr tickte Unruhe.

Ich wartete auf seinen Anruf. Die sanfte Stimme. Das verständnisvolle Lächeln, welches ich jedes Mal fast hören konnte. Heute galt es mir. Mein Herz schlug Sinuskurven. Es hüpfte. Ich wartete. Erschrak, als das Telefon klingelte. Hob ab. Nun gehörte er mir allein.

Ich drehte mich zum Fernseher. Da saß er in seinem pinken Studio. Mit Karo-Hemd und Kopfhörern. Nun war er mein.

Ich war Anna, 34. Hypochonder.

„Guten Morgen, Anna,“ sagte er mit seiner Balsam-Stimme. „Warum rufst du mich an?“

 

Hirse (Sweek, #My2018)

Zwei-tausend-acht-zehn. Die Zahl klingt immer noch verheißungsvoll, endlich ist sie weder magisch, noch märchenhaft, keine Sieben. Keine Drei. Keine Dreizehn, vor der alle erzittern oder himmelhoch jauchzen, Glück oder Pech. Kein Zauber vorhanden, keine Verheißung in Sicht. Das wird mein Jahr.

Ich werde mich gesund ernähren, von hübsch angerichteten Salaten profitieren, vielleicht vermenge ich meine fleischlose Beilage sogar mit etwas Quinoa, in Berlin isst man das so, vielleicht schiebe ich auch veganes Sushi hinterher. Ich werde mich reinigen.
Ich klinge wie ein Foodblog, aber so ein verheißungsloses, sauberes Jahr, das muss auch mit clean eating gefüllt werden. Ich drucke ein Rezept für Gemüse mit Hirse aus, ich koche, mache ein Foto des Endprodukts. Kein Fleisch mehr. Außerdem sind meine Reste fast aufgebraucht. Nun beginnt ein neues, sauberes Leben.

Ich esse Hirse. Sie schmeckt fürchterlich, ein Essen für kranke Kinder. Außerdem regt sich ein beißendes Gefühl, als äße ein Wurm meine Innereien. Etwas windet sich durch mich hindurch. Nagt an meiner Speiseröhre. Kratzt an meiner Magenwand. Ein unstillbarer Hunger. Er ist wieder da.

Tür auf, Tür zu (Sweek, #MikroTür)

Einmal mache ich die Tür auf. Und mein Herz geht weiter, es geht auf, du bist immer bei mir. Bla-bla-bla. Ich sage mir den Text sinngemäß vor, während die Blicke auf mir sind, diese zerfressenden Blicke, die darauf warten, dass ich beginne, dass ich einen Fehler mache. Sie werden mich ansehen, durchbohren, fast innerlich zersetzen. Betrunken über mich lachen, während ich wie die Titanic untergehe, nur eben ohne Sterben. Die Geräusche sind ähnlich, in mir macht es gleich Glugg. Jemand zählt, das Bier in meiner Kehle singt schon. Los geht es. Ich atme ein und fange an zu gurgeln. Ich bin sowieso gearscht. Ich mache mich zum Affen, ich mache die Tür auf, innerlich falle ich auf dem Meeresboden. Nach einer Minute ist alles vorbei, ich spucke den Rest aus, das Lachen verschlingt mich. Nächste Woche werden sie immer noch kichern, diese Hyänen, die wieder die Flasche drehen. Ich kotze auf den Boden. Die Jugendherberge wird es aushalten. Ich muss hier weg. Die Hyänen mit der Kotze alleine lassen. Und auf einmal schreite ich hinaus, wie Celine Dion in dem Lied, das ich gerade gurgeln musste. Nur ohne Glitzerkleid. Ich lasse die Blicke hinter mir, das Getuschel summt noch in meinen Ohren. Ich lasse es summen, mache die Tür zu. Und renne los.

Hör‘ auf (Sweek, #Mikrospiel)

Hör’ endlich auf, mit mir zu spielen. Dein makelloses Perlweißlächeln ist lange her. Meine Gedanken erwachen, sie sind wie ein altes Klavier und Du klimperst Deine Melodie. Ich habe dich einfach nicht vergessen, ich spule dich zurück, wie eine alte Kassette, du verhakst dich in meinen Ohren, Deine Stimme, mein Gedankenklavier, ruft mir unsere Sommernächte zurück, als ich im Blumenkleid unter dem Baum lag, mit dem Walkman auf meinem Schoß. Manchmal schrieb ich Dir Briefe auf Diddl-Papier. Du antwortetest nie, Du flimmertest fast an mir vorbei, mein lächelnder Traum mit perlweißen Zähnen. Ich liebte Dich und Dein Spiel. Du verlorst Dein Hemd im Regen, Dein nasser Sommerkörper war bei mir und überall. Hör’ auf zu spielen. Ich bin erwachsen. Die Kassette stoppt und die Neunziger sind eigentlich eine ferne, ganz andere Walkmanzeit.

Quit playin’ games with my heart.

Du bist der Schlüssel (Sweek, #MikroSchlüssel)

Wenn ich die Tür öffne, bin ich daheim, aufgefangen in Deiner Wärme. Ich komme in die Küche, hänge meine Handtasche über den Stuhl, ziehe die unbequeme weiße Bluse aus. Gleich bin ich bei Dir, lasse mich fallen. Du wirst mich auffangen nach einem harten Tag, all diese Zahlen und Überstunden, Müdigkeit tanzt ein wirres Lied in meinem Kopf. Nur noch einmal durchatmen, einen Schluck Martini einschenken. Gleich bist Du mein.

Du bist der Schlüssel, mein Begleiter, die Klarheit meiner wirren Gedanken. Ohne Dich wäre ich nur eine erschöpfte, ständig arbeitende Frau, mit Dir an meiner Seite bin ich stark, in Deiner Umarmung lösen sich die Sorgenmonster, Du trägst sie fort.

Du flüsterst mir zu. Du rufst mich. Deine Stimme ist sanft. Ruhig. Verheißungsvoll. Ich ziehe den BH aus, rolle den Geldschein, atme Deine Linie, Deine sandige Liebe ein und falle in mein kaltes Bett, was mit Dir warm ist. Wenn der Morgen graut, werde ich vielleicht schlafen. Und bis dahin lässt Du mich einfach sein.

Revolution (Sweek, #MikroGeheimnis)

Und dann höre ich einfach auf.

Ich breche aus, zerstöre die Strukturen, zertrete sie einfach, all diese Konventionen, mache mich frei, stürme meine persönliche innere Bastille, hinaus aus der Monotonie des Alltags, die mich im Kreis rennen lässt, fast im Takt der tickenden Uhr. Ich habe nicht mehr lange, die Zeit ist gegen mich, sie frisst mich fast auf, gräbt ihre Zähne in mich, kratzt an meiner Haut. Ich muss mich befreien. Der Entschluss steht fest: Einfach leben, hinaus in die Welt tanzen, in meiner kleinen Revolution, gegen das Grau des ewigen Kreises: Gegen die Zeit. Gegen die Welt. Gleich werde ich ausbrechen, ich bin wild entschlossen. Der Sturm kann beginnen, viva la liberté, au revoir, Alltag. Ich gehe jetzt. Ich renne fast. Doch die  Zeit hat mich. Eingeholt. Gleich isst sie mich einfa….

„Schau mal, der Hamster liegt auf dem Rücken. Mit den Beinchen nach oben. Altersschwäche. Der Arme. „

Grüne Insel (Sweek, #MikroAngst)

Er nimmt meine Hand, seine Finger verhaken sich in meinen, wir sind die letzten Puzzleteile, gesucht, gefunden. Die Sonne geht unter, wir sehen ihre Farbgemälde zwischen den Bäumen. Der Staub des Waldwegs kratzt in meinen Lungen, ich atme trotzdem tief ein, es riecht nach Sommer, wie in einem Liebesroman. Gleich werden wir uns zwischen den grünen Blättern wälzen, während die aufkommende Düsternis Sonnengemälde verschlingt. Oft war die Nacht mir unheimlich. Doch mit ihm habe ich niemals Angst.

Er sagt nichts, schlendert entspannt neben mir. Mit seiner anderen Hand streicht er eine Strähne hinter das Ohr. Gleich sind wir da und ich werde in dieses Ohr flüstern, wie sehr ich es mag. Es wird zauberisch dunkel. Fast ist es soweit. Unser Ort ist eine kleine Wiese. Hier fanden sich unsere Lippen. Wir redeten nie viel, waren stumme Puzzleteile an einem geheimen Platz, das Schweigen war unsere Insel und wir konnten stundenlang Inselbewohner mit verhakten Fingern, verwobenen Lippen sein.

Er legt mich hin. Zieht sein Hemd aus, streicht eine Strähne aus seinem filigranen Gesicht. Ich bin aufgeregt, heute wird es passieren. Nicht nur ein verwobener Kuss. Es wird mehr. Ich schließe die Augen. Auf einmal zuckt ein spitzer Schmerz durch mein Ohr. Ich fühle warmes Salz auf meiner Haut. Es brennt. Ich bin nun taub, auf einer Seite höre ich das leichte Schmatzen. Die Nacht ist doch beängstigend, ein schwarzes Loch mit losen Ohren.

„Gut getarnt, oder?“ Sein blutverschmierter Mund ist mein letztes Bild. Und Dunkelheit verschlingt alles.

Frankensteins Ocean (Sweek, #MikroDate)

Deine Augen fressen mich einfach auf. Sie sind so blau, dass der atlantische Ozean vor Neid erblasst. Stück für Stück zerkauen sie einfach mein unsicheres Gesicht, beißen ein Stück der Nase ab, einen Teil der Lippe, sie kauen eine neue Delle in mein Kinn. Ich kann fast die Zahnabdrucke spüren, wenn Du mich ansiehst, lange, durchdringend. Wenn Du Deinen Blick abwendest, fühle ich mich wie Frankensteins Werk, ein neuer Mensch, zusammengesetzt, hässlich, unvollkommen. Nicht ganz.

Wir sitzen im Café. Um uns herum sprechen Fremde. Du schaust auf die Straße und malst wirre Linien auf Dein Glas. Ich sollte es Dir sagen. Doch meine Frankensteinlippe traut sich nicht. “Du bist der Erste”, will sie sagen. Ich seufze ganz leise. Du schaust mich wieder an, erzählst von einer neuen Party, mein angefressenes Gesicht versucht, konzentriert zu sein, aber von meiner Augenbraue fehlt gefühlt ein Stück. Du zwirbelst an einer lässigen Haarsträhne und lächelst, als könnte Dich nichts erschüttern. Du frisst sogar meine Atemzüge.

Ich zähle leise, warte, bis sich mein unruhiger Atem stabilisiert. Ich sollte Dir sagen, dass ich mich verliebt habe, Das alte Leben in mir ist verschwunden. Ich sitze einem blonden Mann gegenüber, der meine Visage zerlegt und meine Luft zum Atmen abschneidet.

Ich setze an. “Ich…” Du unterbrichst mich. Die Zeit ist gegen uns, Du musst zur Vorlesung. Und ich bleibe zurück, mit Deinen blauen Augen in meinem unbeholfenen Monsterhirn.

Behinderte Moomins

Ach, Anna. Der kalte Wind weht über den Platz vor der weißen, erhabenen Kirche mit der türkisen Kuppel. Auf den Stufen sitzen vereinzelt Menschen, sie zittern leicht vor Kälte. In der Nationalbibliothek brennt kein Licht mehr. Die schweigendenden Großstadtgestalten eilen heim.

Der alte verlotterte Mann schmettert nostalgische Arien, als könnte er den Platz erwärmen. Morgen sitze ich im Flieger, Anna. Der Tomatensaft wird in meiner Kehle brennen, weil man ihn nur mit Pfeffer trinken kann. Vielleicht brennt er einfach die Erinnerung an Deinen Kuss aus meinem Mund.

Ich stehe auf. Die russischen goldzähnigen Touristen tragen große Moomins umher. Du fandest Moomins immer bescheuert Anna, Du sagtest, sie seien behinderte Nilpferde. Als Du auf einer Party in mich hineinliefst, mir nur Dein finnisches Lächeln schenktest, dein perlweißes Licht mit kühlen blauen Augen, war ich sofort verliebt. Du warst kalter Schnee am Tage und verbrennendes Feuer des Nachts, Du fluchtest in einem ruhigen Ton, fast freundlich. Doch Dein Gegenüber fühlte sich sofort zerfleischt. In einer Minute wechseltest Du von Glut zu Eis. Und ich habe Dein Wechselspiel, Deine unangepasste Art abgöttisch geliebt.

In den zwei Monaten, Anna, haben wir viel gesprochen. In Deiner kleinen Wohnung wehte der nordische Wind durch die undichten Fenster. Wir lagen auf der Matratze, hörten eine finnische Band, bestimmt mit Kajalaugen und versuchten uns auf Englisch unsere Lebensgeschichten zu erzählen. Ich sah Dich oft an Deinem Arbeitsplatz, dem kleinen Café am Meer mit der Cola für vier Euro. Du reichtest mir ein Getränk, strichst eine weiße Haarsträhne hinter Dein filigranes Ohr und flüstertest „rakastan sinua“, die Liebeserklärung in der finnischen Sprache. Mehr brauchte ich nicht, ich hatte noch Geld und ließ mich mit Dir zusammen im kalten Wind treiben, versank in Deinem Augenmeer.

Ach, Anna. Eines Tages wachte ich ohne Dich auf. Dein Rucksack mit den bunten Taschen war weg, Deine Zahnbürste, Deine CDs. Auf der Matratze lag ein Zettel. „I’m sorry„, stand dort in krakeliger Schrift. Im Café sagte man mir, dass Du gekündigt hattest. Dass Du weiterziehen musstest, dass Du oft davon sprachst, die Welt zu sehen. Du warst wirklich eiskalt, Anna. Und ich habe Dich nicht wärmen können. Wahrscheinlich konnte niemand Dein Sinuskurvengemüt halten.

Ich stehe immer noch vor der weißen Kathedrale. Der Himmel ist grau, die Vögel sind in den Süden gezogen. Im Souvenirladen kaufe ich einen Moomin, nur, um dich zu ärgern Anna, um Deinen Einfluss fortzuwehen.

Ich vermisse Dich. Aber mich hält hier nichts mehr. Und überhaupt war es eine schwachsinnige Idee, Dir zu folgen. Hoffentlich brennt der gepfefferte Tomatensaft Deine Küsse aus mir.