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Kalenderspruchbein

Ich setze das Messer an. Die weiße Schneidefläche ist makellos, sie ist ganz neu, fast unschuldig, so, wie es sich für diesen Anlass gehört. Besondere Anlässe erfordern besondere Maßnahmen, ich denke wohl nur noch in Kalendersprüchen, träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum. Mit einem neuen Messer.

Ich setze an. Die Haut gehorcht, die weiße Schneidefläche wird rot, sie gleitet einfach hindurch. Ich wusste nicht, dass es so einfach geht.  Am Knochen stoppt das Messer und mir wird etwas schlecht, langsam tut es weh, dieses aufgeschnittene, aber nicht abgeschnittene Bein. Es ist immer noch Lockdown, in meinem Knie ist Wasser, es singt ein deprimierendes, blubberndes Scheißlied, ich wollte es nach Wochen einfach nur loswerden. Doch nicht einmal das klappt. Ich lege das Messer mit der nun roten Fläche weg, des Bettlaken ist auch hinüber, der Notarzt wird mich vielleicht auslachen. Mit zitternden Fingern rufe ich ihn trotzdem. Mein Kalenderspruchgehirn läuft auf einmal wieder hervorragend. Wer Schmetterlinge lachen hört, wer weiß, wie Wolken schmecken. Sie schmecken nach Blut. Hoffentlich überlebe ich

Grüne Insel (Sweek, #MikroAngst)

Er nimmt meine Hand, seine Finger verhaken sich in meinen, wir sind die letzten Puzzleteile, gesucht, gefunden. Die Sonne geht unter, wir sehen ihre Farbgemälde zwischen den Bäumen. Der Staub des Waldwegs kratzt in meinen Lungen, ich atme trotzdem tief ein, es riecht nach Sommer, wie in einem Liebesroman. Gleich werden wir uns zwischen den grünen Blättern wälzen, während die aufkommende Düsternis Sonnengemälde verschlingt. Oft war die Nacht mir unheimlich. Doch mit ihm habe ich niemals Angst.

Er sagt nichts, schlendert entspannt neben mir. Mit seiner anderen Hand streicht er eine Strähne hinter das Ohr. Gleich sind wir da und ich werde in dieses Ohr flüstern, wie sehr ich es mag. Es wird zauberisch dunkel. Fast ist es soweit. Unser Ort ist eine kleine Wiese. Hier fanden sich unsere Lippen. Wir redeten nie viel, waren stumme Puzzleteile an einem geheimen Platz, das Schweigen war unsere Insel und wir konnten stundenlang Inselbewohner mit verhakten Fingern, verwobenen Lippen sein.

Er legt mich hin. Zieht sein Hemd aus, streicht eine Strähne aus seinem filigranen Gesicht. Ich bin aufgeregt, heute wird es passieren. Nicht nur ein verwobener Kuss. Es wird mehr. Ich schließe die Augen. Auf einmal zuckt ein spitzer Schmerz durch mein Ohr. Ich fühle warmes Salz auf meiner Haut. Es brennt. Ich bin nun taub, auf einer Seite höre ich das leichte Schmatzen. Die Nacht ist doch beängstigend, ein schwarzes Loch mit losen Ohren.

„Gut getarnt, oder?“ Sein blutverschmierter Mund ist mein letztes Bild. Und Dunkelheit verschlingt alles.