Archiv der Kategorie: Kurzprosa

Hör‘ auf (Sweek, #Mikrospiel)

Hör’ endlich auf, mit mir zu spielen. Dein makelloses Perlweißlächeln ist lange her. Meine Gedanken erwachen, sie sind wie ein altes Klavier und Du klimperst Deine Melodie. Ich habe dich einfach nicht vergessen, ich spule dich zurück, wie eine alte Kassette, du verhakst dich in meinen Ohren, Deine Stimme, mein Gedankenklavier, ruft mir unsere Sommernächte zurück, als ich im Blumenkleid unter dem Baum lag, mit dem Walkman auf meinem Schoß. Manchmal schrieb ich Dir Briefe auf Diddl-Papier. Du antwortetest nie, Du flimmertest fast an mir vorbei, mein lächelnder Traum mit perlweißen Zähnen. Ich liebte Dich und Dein Spiel. Du verlorst Dein Hemd im Regen, Dein nasser Sommerkörper war bei mir und überall. Hör’ auf zu spielen. Ich bin erwachsen. Die Kassette stoppt und die Neunziger sind eigentlich eine ferne, ganz andere Walkmanzeit.

Quit playin’ games with my heart.

Du bist der Schlüssel (Sweek, #MikroSchlüssel)

Wenn ich die Tür öffne, bin ich daheim, aufgefangen in Deiner Wärme. Ich komme in die Küche, hänge meine Handtasche über den Stuhl, ziehe die unbequeme weiße Bluse aus. Gleich bin ich bei Dir, lasse mich fallen. Du wirst mich auffangen nach einem harten Tag, all diese Zahlen und Überstunden, Müdigkeit tanzt ein wirres Lied in meinem Kopf. Nur noch einmal durchatmen, einen Schluck Martini einschenken. Gleich bist Du mein.

Du bist der Schlüssel, mein Begleiter, die Klarheit meiner wirren Gedanken. Ohne Dich wäre ich nur eine erschöpfte, ständig arbeitende Frau, mit Dir an meiner Seite bin ich stark, in Deiner Umarmung lösen sich die Sorgenmonster, Du trägst sie fort.

Du flüsterst mir zu. Du rufst mich. Deine Stimme ist sanft. Ruhig. Verheißungsvoll. Ich ziehe den BH aus, rolle den Geldschein, atme Deine Linie, Deine sandige Liebe ein und falle in mein kaltes Bett, was mit Dir warm ist. Wenn der Morgen graut, werde ich vielleicht schlafen. Und bis dahin lässt Du mich einfach sein.

Revolution (Sweek, #MikroGeheimnis)

Und dann höre ich einfach auf.

Ich breche aus, zerstöre die Strukturen, zertrete sie einfach, all diese Konventionen, mache mich frei, stürme meine persönliche innere Bastille, hinaus aus der Monotonie des Alltags, die mich im Kreis rennen lässt, fast im Takt der tickenden Uhr. Ich habe nicht mehr lange, die Zeit ist gegen mich, sie frisst mich fast auf, gräbt ihre Zähne in mich, kratzt an meiner Haut. Ich muss mich befreien. Der Entschluss steht fest: Einfach leben, hinaus in die Welt tanzen, in meiner kleinen Revolution, gegen das Grau des ewigen Kreises: Gegen die Zeit. Gegen die Welt. Gleich werde ich ausbrechen, ich bin wild entschlossen. Der Sturm kann beginnen, viva la liberté, au revoir, Alltag. Ich gehe jetzt. Ich renne fast. Doch die  Zeit hat mich. Eingeholt. Gleich isst sie mich einfa….

„Schau mal, der Hamster liegt auf dem Rücken. Mit den Beinchen nach oben. Altersschwäche. Der Arme. „

Frankensteins Ocean (Sweek, #MikroDate)

Deine Augen fressen mich einfach auf. Sie sind so blau, dass der atlantische Ozean vor Neid erblasst. Stück für Stück zerkauen sie einfach mein unsicheres Gesicht, beißen ein Stück der Nase ab, einen Teil der Lippe, sie kauen eine neue Delle in mein Kinn. Ich kann fast die Zahnabdrucke spüren, wenn Du mich ansiehst, lange, durchdringend. Wenn Du Deinen Blick abwendest, fühle ich mich wie Frankensteins Werk, ein neuer Mensch, zusammengesetzt, hässlich, unvollkommen. Nicht ganz.

Wir sitzen im Café. Um uns herum sprechen Fremde. Du schaust auf die Straße und malst wirre Linien auf Dein Glas. Ich sollte es Dir sagen. Doch meine Frankensteinlippe traut sich nicht. “Du bist der Erste”, will sie sagen. Ich seufze ganz leise. Du schaust mich wieder an, erzählst von einer neuen Party, mein angefressenes Gesicht versucht, konzentriert zu sein, aber von meiner Augenbraue fehlt gefühlt ein Stück. Du zwirbelst an einer lässigen Haarsträhne und lächelst, als könnte Dich nichts erschüttern. Du frisst sogar meine Atemzüge.

Ich zähle leise, warte, bis sich mein unruhiger Atem stabilisiert. Ich sollte Dir sagen, dass ich mich verliebt habe, Das alte Leben in mir ist verschwunden. Ich sitze einem blonden Mann gegenüber, der meine Visage zerlegt und meine Luft zum Atmen abschneidet.

Ich setze an. “Ich…” Du unterbrichst mich. Die Zeit ist gegen uns, Du musst zur Vorlesung. Und ich bleibe zurück, mit Deinen blauen Augen in meinem unbeholfenen Monsterhirn.

Behinderte Moomins

Ach, Anna. Der kalte Wind weht über den Platz vor der weißen, erhabenen Kirche mit der türkisen Kuppel. Auf den Stufen sitzen vereinzelt Menschen, sie zittern leicht vor Kälte. In der Nationalbibliothek brennt kein Licht mehr. Die schweigendenden Großstadtgestalten eilen heim.

Der alte verlotterte Mann schmettert nostalgische Arien, als könnte er den Platz erwärmen. Morgen sitze ich im Flieger, Anna. Der Tomatensaft wird in meiner Kehle brennen, weil man ihn nur mit Pfeffer trinken kann. Vielleicht brennt er einfach die Erinnerung an Deinen Kuss aus meinem Mund.

Ich stehe auf. Die russischen goldzähnigen Touristen tragen große Moomins umher. Du fandest Moomins immer bescheuert Anna, Du sagtest, sie seien behinderte Nilpferde. Als Du auf einer Party in mich hineinliefst, mir nur Dein finnisches Lächeln schenktest, dein perlweißes Licht mit kühlen blauen Augen, war ich sofort verliebt. Du warst kalter Schnee am Tage und verbrennendes Feuer des Nachts, Du fluchtest in einem ruhigen Ton, fast freundlich. Doch Dein Gegenüber fühlte sich sofort zerfleischt. In einer Minute wechseltest Du von Glut zu Eis. Und ich habe Dein Wechselspiel, Deine unangepasste Art abgöttisch geliebt.

In den zwei Monaten, Anna, haben wir viel gesprochen. In Deiner kleinen Wohnung wehte der nordische Wind durch die undichten Fenster. Wir lagen auf der Matratze, hörten eine finnische Band, bestimmt mit Kajalaugen und versuchten uns auf Englisch unsere Lebensgeschichten zu erzählen. Ich sah Dich oft an Deinem Arbeitsplatz, dem kleinen Café am Meer mit der Cola für vier Euro. Du reichtest mir ein Getränk, strichst eine weiße Haarsträhne hinter Dein filigranes Ohr und flüstertest „rakastan sinua“, die Liebeserklärung in der finnischen Sprache. Mehr brauchte ich nicht, ich hatte noch Geld und ließ mich mit Dir zusammen im kalten Wind treiben, versank in Deinem Augenmeer.

Ach, Anna. Eines Tages wachte ich ohne Dich auf. Dein Rucksack mit den bunten Taschen war weg, Deine Zahnbürste, Deine CDs. Auf der Matratze lag ein Zettel. „I’m sorry„, stand dort in krakeliger Schrift. Im Café sagte man mir, dass Du gekündigt hattest. Dass Du weiterziehen musstest, dass Du oft davon sprachst, die Welt zu sehen. Du warst wirklich eiskalt, Anna. Und ich habe Dich nicht wärmen können. Wahrscheinlich konnte niemand Dein Sinuskurvengemüt halten.

Ich stehe immer noch vor der weißen Kathedrale. Der Himmel ist grau, die Vögel sind in den Süden gezogen. Im Souvenirladen kaufe ich einen Moomin, nur, um dich zu ärgern Anna, um Deinen Einfluss fortzuwehen.

Ich vermisse Dich. Aber mich hält hier nichts mehr. Und überhaupt war es eine schwachsinnige Idee, Dir zu folgen. Hoffentlich brennt der gepfefferte Tomatensaft Deine Küsse aus mir.