Und Du schleifst die Mikrolithen. Früher hättest Du damit einen Bison erlegt, mit Deinen Speeren, Du wärst zu mir gekommen, wir hätten am Feuer gegessen, du hättest mir etwas mit Kohle in unser Schlafgemach gemalt, ein Herz, einen Pfeil, lauter kitschige Dinge, die nicht unserer Zeit entsprächen ich hätte mich an Deine Brust geschmiegt, am Feuer, wir hätten Sterne gesehen, mit einem warmen Nachthimmel, nur für uns.
Ich sitze in der Großstadt, ein Band von Paul Celan auf meinem Schoß. Mikrolithen, Steine, alles rasselt in meinem Kopf, seitdem Du fort bist, die Steine sind ganze schwarze Lawinen, unaufhaltsam rollen sie, reißen mich mit, schütteln die Wörter, wenn ich versuche zu lesen, malen mir schwarze, kalte Herzen, wenn ich versuche zu schlafen. Ich habe Celan nicht immer verstanden, die sperrige Metaphorik war meine Nemesis und ein unbestimmtes Gefühl zugleich. Du mochtest diese ganzen Bilder, auf Deinem Nachttisch lag die Gesamtausgabe, Du rezitiertest oft, ich fand dich seltsam und unfassbar klug zugleich, wer brüllte schon in unserer Zeit ausdrucksstarke Gedichte vom Balkon? Vielleicht passte der Steinzeittraum auch nicht in diese Worte, aber bei den lyrischen Mikrolithen, von welchen Du erzähltest, war dieses Bild in meinem Kopf.
Als Du gingst, ließest Du mir eine graue Leere, den seltsamen Steinzeitbisontraum und den kalten Wind im Herbst. Nun schleifst Du weiter die Mikrolithen an den Wänden meines unruhigen Gehirns, es sind nur Steine, irgendwann werde ich sie entsorgen können, aber der Celan bleibt, mit all‘ seinen Metaphern, Oxymora. Vielleicht werde ich ihn irgendwann verstehen, als Erinnerung an die Jahre mit Dir.
