Wüstenmonate im Sand

Die Weite erstreckt sich vor mir, der Sand wirbelt hoch, als würde er einfach komplett zum azurblauen Himmel aufsteigen, die Luft flirrt, ich kann sie fast hören, vor meinen Augen vollführen gelb- blaue Punkte einen unruhigen Tanz. Ich habe Durst, meine Zunge ist trocken, sie klebt fast am Gaumen, als ich in die Ferne blicke.

Vor einigen Jahren musste meine Familie fliehen. Damals begann es schleichend, Anfeindungen auf der Straße, Anfeindungen im Internet, wir waren angebliche Überträger eines Virus‘. Medizinische Beweise gab es nicht, aber einer von uns war krank am Flughafen gelandet, auf dem Rückweg aus einem fernen Land. Schleichend fühlten wir uns wie Aussätzige, das Internet vergaß nie, es spuckte Bilder aus, falsche Tatsachen, wie eine mehrköpfige Hydra ihr Gift.

Das Gift führte uns in diese Wüste. Trinkwasser und Essen waren ein kostspieliges Gut, in der weit entfernten Nachbarstadt handelte man mit sehr hohen Preisen. Vielleicht würde ich bald einen Destillieranzug bauen, wie in Frank Herberts „Dune“, nur ohne bewusstseinserweiternde Substanzen. Lange widerte mich der Gedanke an, meinen Urin zu reinigen und zu trinken.

Leider spricht mein Körper langsam eine andere Sprache, zeigt mit bizarre, dunkle Regenträume des Nachts. Die Landschaft flirrt immer noch vor meinen Augen.

Eine dünne Hand legt sich auf meine Schulter, ich spüre leichten Atem im Wüstenwind, drehe mich um und blicke mitten in Yaels dunkelblaue Augen. Ihre schwarzen, langen Haare sind strohig von Sand und Sonne, sie bekommt kleine Falten von der Hitze und der trockenen Luft, aber ihr kämpferisches Lächeln fängt mich sofort ein. Yaels Familie wohnt im Nachbarzelt, aber ihr scheint die neue Welt wenig auszumachen, sie kauft Schnupftabak im weit entfernten Dorf und blickt stundenlang in den Himmel, als würde er sie einfach trösten. Meine Wehmut versteht sie nicht, es ist, als hätte sie die andere Welt abgeschüttelt, sich schlagartig abgefunden. Sie ist ein Wüstenkind mit sonnengegerbter Haut und wildem Blick.

Sie streicht mit ihrem rauen Finger über meine Wange und lächelt. „Komm schon, junger Paul Atreides, geh‘ mit mir eine Runde. Vom Grübeln wirst du nicht weniger durstig. Lass‘ uns ins Dorf laufen!“ Sie nimmt meine Hand und ich ergebe mich, ich kann nicht anders.

In meinem alten Dune-Computerspiel ritt Paul Atreides mit seiner Konkubine auf einem Sandwurm in den violett anmutenden Sonnenuntergang. Danach küsste er sie in den Dünen und alles war für einen Lippenmoment gut. Vielleicht tue ich es ihm gleich. Wir laufen drei Stunden ins Dorf, kaufen Nüsse auf dem teuren Bazar, auf dem Weg zurück werde ich Yael küssen, denn Flucht verbindet. Vielleicht legen wir uns in die Sonnenuntergangsdünen, während die Sonne violett untergeht. Und alles wird gut.

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