Ich gehe durch die Stadt, die Straßen sind fast menschenleer, draußen weht klischeehafter Frühling, der trotz der Pandemie ein Gedicht schreiben möchte, ein blaues Band, einen Blumenduft. Die Menschen sind wie Zeitbomben, sie tragen Mundschutz und weichen zurück, wechseln die Straßenseite, als wäre jeder ein potentieller Feind, ein Infizierter, eine spürbare Nemesis auf dem Asphalt.
Ich gehe zum Bäcker, vor dem Laden lobt eine Frau meine Schuhe, wir werfen uns vorsichtige Worte zu, mit genügend Abstand, ein Augenlächeln, einen Moment.
Danach stehe ich vor dem Bioladen und warte, bis ich eintreten darf, nur zwei Menschen dürfen gleichzeitig einkaufen. Ich ziehe die große Kapuze über den Kopf. Vor einigen Monaten hatte ich mir diesen post-apokalyptischen Mantel mit dem asymmetrischen Schnitt gekauft. Nun hat er seine Berechtigung, ich laufe durch diese Kulisse, die ich sonst aus dystopischen Romanen kannte. Nun habe ich die passende Kleidung dafür. Im Laden spreche ich durch eine Wand aus Plexiglas und kaufe Zimtschnecken, in Erinnerung an meine Uroma, dir ihr Rezept vor langen Jahren mit in das Grab nahm, mir wird kurzzeitig warm ob der Erinnerung und ich vergesse das Szenario vor der Tür.
Als ich hinausgehe, reden zwei alte Damen über Klopapier, anscheinend wollen sie sich versichern, mit sauberen Hintern in den Weltuntergang zu blicken. Ich denke genau diesen Gedanken und fühle mich komplett absurd. Das normale Leben, die Tagesabläufe, alles kommt mir vor, wie aus einer anderen Welt. Gefühlte Lichtjahre entfernt. Nicht mal ein Monat ist vergangen und schon erscheint die Zeit ewig, die geschlossenen Läden sind einsame Gebäude im Frühling, der alle mit seinem blauen Band verarscht.
Ich schnüre den Mantel neu und mache mich auf den Heimweg. Ein Mann mit einem großen Hund kommt mir entgegen, wir sind uns gestern schon begegnet, er fragt mich, ob ich bei der nächsten Begegnung einen ausgebe, ich lächle und bejahe, in einem anderen Leben hätte ich nichts gesagt, jetzt wertet man jedes Lächeln, jede Geste, jede Gelegenheit für ein Bier als ein gutes Zeichen, eine Zeitverkürzung, eine Erleichterung abseits der heimischen, unangenehm knarzenden Skype- Fenster.
Ich wollte eine dritte postapokalyptische Geschichte verfassen. Hier ist sie, ich musste mir diesmal nichts ausdenken, die Realität hat sie ganz alleine ausgeschmückt, hoffentlich trug sie dabei einen Mundschutz.
