Ein Stich, ein Schuss. Ich binde ab, der Druck pulsiert in der Vene. Für zwei Sekunden fühle ich mich, als säße ich in der Hausarztpraxis. Danach hüllt die warme Decke des Vergessens meine Momente ein. Ich schließe meine Augen, ein angenehmer Nebel lullt meine Alltagsängste ein, als hätte sich ein samtiger Vorhang zwischen mich und die Welt geschoben. Ich vergesse, dass ein neues Virus in der Welt wütet, dass ich seit Monaten nicht arbeiten konnte und die Frau vom Jobcenter mich immer wieder mitleidig anschaut. Dass Rechtschreibfehler in den Bewerbungen sind, weil ich keinen Bock habe, Aushilfsarbeiten zu verrichten und eigentlich nur zurückwill, an die Kasse des Clubs, wo bis fünf Uhr am Morgen Leute zu Depeche Mode tanzen, während die Lichtmaschine alles in ein angenehm bläuliches Licht taucht, die Seelen öffnet und die Tristesse jedes Einzelnen verscheucht.
Ich vergesse. Du bist nur noch ein Schema. Deine roten Lippen sind verblasst, auch über ihnen tanzt die injizierte Drogendecke. Die Erinnerung bringt mich nicht mehr um. Als Du vor zwei Wochen Deine Haare zurückwarfst und den roten Koffer packtest, lag ich betrunken unter dem Schreibtisch. Deine blaugrauen Augen schluckte der Regenherbst und der Gin rauschte in meinem Kopf. „Bin bald zurück“, sagtest Du, „bitte komm‘ bis dahin klar. Du warfst mir einen roten Luftkuss zu und gingst. Deine entschlossenen Schritte hallten im Treppenhaus, ein Takt im Herbstlied, ein Zeichen in der Zeit.
Ich kam klar. Es war noch genug Geld da, um Dich in eine schemenhafte Zeichnung zu verwandeln. Der Dealer lachte sein schelmisches Lächeln, als er mir das Zeug in die Hand drückte, die dunklen Häuserfassaden mimten ein anonymes Gedicht in der verruchten Ecke der großen Stadt. Ich ließ das Zeug auf dem Küchentisch liegen, ich wollte nicht, dass Du bei Deiner Rückkehr unangenehm überrascht wirst. Doch die Tage vergingen, die Nächte warfen einsam-schwarze Schatten und irgendwann war ich so gedankenmüde, dass ich einfach vergessen wollte. Hier liege ich nun. Ich vergesse. Der Nebel senkt sich.
Ich höre ein leises Schlüsseldrehen, dann die Rollen des Koffers auf dem Parkett. Deine Lippen über mir. Du hebst die Spritze auf. Ich warte darauf, dass Du schreist oder weinst. Doch Du bist ganz ruhig. „Lass`uns ins Krankenhaus fahren“, sagst Du leise und hauchst einen Kuss auf meine schweißbeperlte Stirn. Hilfst mir. Hebst die Gedankendecke hoch, verscheuchst den Nebel mit erneuten roten Stirnküssen. Ich bin benommen, aber Du bist wieder hier.
Du bist wieder hier, mein Mohn im Heroinfeld. Irgendwann kommt alles wieder, auch diese Krise wird mit der Zeit nur noch eine schlechte Erinnerung sein. Ich muss klarkommen. Aber vor allem dafür sorgen, dass Du nicht wieder gehst. Wir fahren ins Krankenhaus. Du bist bei mir.
