Irgendwann

Und wenn sie unbemalt aufwacht, schaut sie hinaus in den grau tröpfelnden Regen, der Schlieren an die Fensterscheiben malt. Es ist April, aber Winter, Frühling, aber ohne Wärme, draußen eilende Menschen sind anonyme Figuren eines Großstadtgedichts. Sie atmet auf die Regenscheibe und zeichnet eine Blume mit verwischten Blättern, alles ist nun schief, aus den Fugen geraten.
Denn immer, wenn sie nun unbemalt aufwacht, vermisst sie das Surren der Nadel, den konzentrierten Blick des Tätowierers auf ihrem Körper, die Linien, die er malt. In dem kleinen Studio mit den vielen Zeichnungen an den Wänden fühlt sie sich lebendig, adrenalintrunken und wunderschön. Das neue Virus und die damit verbundenen Eindämmungsmaßnahmen zertreten seit Monaten dieses Gefühl, verschieben Termine, legen Hürden in ihren Weg. Das Büro darf öffnen, sie darf mit mehreren Menschen im Raum sitzen und Teppichluft durch die Maske atmen. An ihren Lieblingsort darf sie nicht.
Dennoch, immer, wenn sie unbemalt aufwacht, ist das Gestern vergangen. Irgendwann kommt ein normaleres Morgen, mit Großstadtregen, aber neuen Perspektiven, vielleicht geht der stürmische April und irgendwann malt der ruhige Mann wieder neue, bedeutsame Linien auf ihre Haut. Das Surren der Nadel wird sich mit der Rockmusik im Hintergrund mischen, sie wird die Augen schließen und endlich wieder sein.

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