Archiv der Kategorie: Kurzprosa

Log-down

Der blaue Himmel log. Er versprach neuen Frühling, warme Windbriesen auf der Haut, wärmere Nächte, aus welchen man in der Nähe der Kneipen fiel, in den Sonnenaufgang hinein, wenn neue Tage anfingen, mit grünen Bäumeblättern. Wenn man aus der Kälte des Märzes erwachte, nachdem der Winter vorher eine grausuppige Unendlichkeit war.

Der blaue Himmel log. Er versprach, dass man auf den Terrassen der Clubs sitzen konnte, ganz müde, weil man vorher auf der Tanzfläche ausgerastet war, vielleicht, weil danach die Getränke noch besser schmeckten, wie die kalte Meeresluft auf der Zunge, nur mit Bier.

Der blaue Himmel log, er verhieß Unbeschwertheit, Glück und blaue Bänder, wie in dem Gedicht, welches Kinder jeden Frühling in der Schule lasen. Dieses Jahr flattere nichts außer Aerosolen durch die Lüfte, ein Virus hatte die Welt wenige Wochen vorher in einen dystopischen Roman verwandelt, Menschen mit Masken eilten umher, wechselten Straßenseiten und kauten an ihrer Angst, während der blaue Himmel einfach zusah, an den Türen der geschlossenen Bars und Kneipen entlang.

Der blaue Himmel log. Doch vielleicht sind wir der dystopische Roman mit dem guten Ende, in dem alle Menschen nach dem Sieg über die Katastrophe hinausströmen, trinken, sich umarmen und glücklich taumelnd in die Nacht hineinfallen.

Virusmonate in der Stadt

Ich gehe durch die Stadt, die Straßen sind fast menschenleer, draußen weht klischeehafter Frühling, der trotz der Pandemie ein Gedicht schreiben möchte, ein blaues Band, einen Blumenduft. Die Menschen sind wie Zeitbomben, sie tragen Mundschutz und weichen zurück, wechseln die Straßenseite, als wäre jeder ein potentieller Feind, ein Infizierter, eine spürbare Nemesis auf dem Asphalt.

Ich gehe zum Bäcker, vor dem Laden lobt eine Frau meine Schuhe, wir werfen uns vorsichtige Worte zu, mit genügend Abstand, ein Augenlächeln, einen Moment.

Danach stehe ich vor dem Bioladen und warte, bis ich eintreten darf, nur zwei Menschen dürfen gleichzeitig einkaufen. Ich ziehe die große Kapuze über den Kopf. Vor einigen Monaten hatte ich mir diesen post-apokalyptischen Mantel mit dem asymmetrischen Schnitt gekauft. Nun hat er seine Berechtigung, ich laufe durch diese Kulisse, die ich sonst aus dystopischen Romanen kannte. Nun habe ich die passende Kleidung dafür. Im Laden spreche ich durch eine Wand aus Plexiglas und kaufe Zimtschnecken, in Erinnerung an meine Uroma, dir ihr Rezept vor langen Jahren mit in das Grab nahm, mir wird kurzzeitig warm ob der Erinnerung und ich vergesse das Szenario vor der Tür.

Als ich hinausgehe, reden zwei alte Damen über Klopapier, anscheinend wollen sie sich versichern, mit sauberen Hintern in den Weltuntergang zu blicken. Ich denke genau diesen Gedanken und fühle mich komplett absurd. Das normale Leben, die Tagesabläufe, alles kommt mir vor, wie aus einer anderen Welt. Gefühlte Lichtjahre entfernt. Nicht mal ein Monat ist vergangen und schon erscheint die Zeit ewig, die geschlossenen Läden sind einsame Gebäude im Frühling, der alle mit seinem blauen Band verarscht.

Ich schnüre den Mantel neu und mache mich auf den Heimweg. Ein Mann mit einem großen Hund kommt mir entgegen, wir sind uns gestern schon begegnet, er fragt mich, ob ich bei der nächsten Begegnung einen ausgebe, ich lächle und bejahe, in einem anderen Leben hätte ich nichts gesagt, jetzt wertet man jedes Lächeln, jede Geste, jede Gelegenheit für ein Bier als ein gutes Zeichen, eine Zeitverkürzung, eine Erleichterung abseits der heimischen, unangenehm knarzenden Skype- Fenster.

 

Ich wollte eine dritte postapokalyptische Geschichte verfassen. Hier ist sie, ich musste mir diesmal nichts ausdenken, die Realität hat sie ganz alleine ausgeschmückt, hoffentlich trug sie dabei einen Mundschutz.

 

 

 

Wüstenmonate im Sand

Die Weite erstreckt sich vor mir, der Sand wirbelt hoch, als würde er einfach komplett zum azurblauen Himmel aufsteigen, die Luft flirrt, ich kann sie fast hören, vor meinen Augen vollführen gelb- blaue Punkte einen unruhigen Tanz. Ich habe Durst, meine Zunge ist trocken, sie klebt fast am Gaumen, als ich in die Ferne blicke.

Vor einigen Jahren musste meine Familie fliehen. Damals begann es schleichend, Anfeindungen auf der Straße, Anfeindungen im Internet, wir waren angebliche Überträger eines Virus‘. Medizinische Beweise gab es nicht, aber einer von uns war krank am Flughafen gelandet, auf dem Rückweg aus einem fernen Land. Schleichend fühlten wir uns wie Aussätzige, das Internet vergaß nie, es spuckte Bilder aus, falsche Tatsachen, wie eine mehrköpfige Hydra ihr Gift.

Das Gift führte uns in diese Wüste. Trinkwasser und Essen waren ein kostspieliges Gut, in der weit entfernten Nachbarstadt handelte man mit sehr hohen Preisen. Vielleicht würde ich bald einen Destillieranzug bauen, wie in Frank Herberts „Dune“, nur ohne bewusstseinserweiternde Substanzen. Lange widerte mich der Gedanke an, meinen Urin zu reinigen und zu trinken.

Leider spricht mein Körper langsam eine andere Sprache, zeigt mit bizarre, dunkle Regenträume des Nachts. Die Landschaft flirrt immer noch vor meinen Augen.

Eine dünne Hand legt sich auf meine Schulter, ich spüre leichten Atem im Wüstenwind, drehe mich um und blicke mitten in Yaels dunkelblaue Augen. Ihre schwarzen, langen Haare sind strohig von Sand und Sonne, sie bekommt kleine Falten von der Hitze und der trockenen Luft, aber ihr kämpferisches Lächeln fängt mich sofort ein. Yaels Familie wohnt im Nachbarzelt, aber ihr scheint die neue Welt wenig auszumachen, sie kauft Schnupftabak im weit entfernten Dorf und blickt stundenlang in den Himmel, als würde er sie einfach trösten. Meine Wehmut versteht sie nicht, es ist, als hätte sie die andere Welt abgeschüttelt, sich schlagartig abgefunden. Sie ist ein Wüstenkind mit sonnengegerbter Haut und wildem Blick.

Sie streicht mit ihrem rauen Finger über meine Wange und lächelt. „Komm schon, junger Paul Atreides, geh‘ mit mir eine Runde. Vom Grübeln wirst du nicht weniger durstig. Lass‘ uns ins Dorf laufen!“ Sie nimmt meine Hand und ich ergebe mich, ich kann nicht anders.

In meinem alten Dune-Computerspiel ritt Paul Atreides mit seiner Konkubine auf einem Sandwurm in den violett anmutenden Sonnenuntergang. Danach küsste er sie in den Dünen und alles war für einen Lippenmoment gut. Vielleicht tue ich es ihm gleich. Wir laufen drei Stunden ins Dorf, kaufen Nüsse auf dem teuren Bazar, auf dem Weg zurück werde ich Yael küssen, denn Flucht verbindet. Vielleicht legen wir uns in die Sonnenuntergangsdünen, während die Sonne violett untergeht. Und alles wird gut.

Und Du schleifst die Mikrolithen

Und Du schleifst die Mikrolithen. Früher hättest Du damit einen Bison erlegt, mit Deinen Speeren, Du wärst zu mir gekommen, wir hätten am Feuer gegessen, du hättest mir etwas mit Kohle in unser Schlafgemach gemalt, ein Herz, einen Pfeil, lauter kitschige Dinge, die nicht unserer Zeit entsprächen ich hätte mich an Deine Brust geschmiegt, am Feuer, wir hätten Sterne gesehen, mit einem warmen Nachthimmel, nur für uns.

Ich sitze in der Großstadt, ein Band von Paul Celan auf meinem Schoß. Mikrolithen, Steine, alles rasselt in meinem Kopf, seitdem Du fort bist, die Steine sind ganze schwarze Lawinen, unaufhaltsam rollen sie, reißen mich mit, schütteln die Wörter, wenn ich versuche zu lesen, malen mir schwarze, kalte Herzen, wenn ich versuche zu schlafen. Ich habe Celan nicht immer verstanden, die sperrige Metaphorik war meine Nemesis und ein unbestimmtes Gefühl zugleich. Du mochtest diese ganzen Bilder, auf Deinem Nachttisch lag die Gesamtausgabe, Du rezitiertest oft, ich fand dich seltsam und unfassbar klug zugleich, wer brüllte schon in unserer Zeit ausdrucksstarke Gedichte vom Balkon? Vielleicht passte der Steinzeittraum auch nicht in diese Worte, aber bei den lyrischen Mikrolithen, von welchen Du erzähltest, war dieses Bild in meinem Kopf.

Als Du gingst, ließest Du mir eine graue Leere, den seltsamen Steinzeitbisontraum und den kalten Wind im Herbst. Nun schleifst Du weiter die Mikrolithen an den Wänden meines unruhigen Gehirns, es sind nur Steine, irgendwann werde ich sie entsorgen können, aber der Celan bleibt, mit all‘ seinen Metaphern, Oxymora. Vielleicht werde ich ihn irgendwann verstehen, als Erinnerung an die Jahre mit Dir.

Alles macht Gin

 

Ich werde Dich zur Rechenschaft ziehen. Dies ist der dritte Abend. Jeden Abend sitze ich nun in der Bar an der Ecke, das Klirren der Gläser könnte mein unstetes Gemüt beruhigen, der Gin könnte mein Gehirn zu Plüsch werden lassen, flauschig, angstfrei und weich. Du machst meine Abende zum Konjunktiv, ich ahne, dass Du Tropfen in Frauengetränke mischst, du bist ein widerlicher, kleiner Feigling, vielleicht hat deine Mutter Dich geschlagen, wahrscheinlich musst Du etwas kompensieren, in Deinem Kopf sind alle willig, mit Wahrnehmungsstörungen und Betonarmen, alle Deine, alle. Ich muss Dich auf frischer Tat ertappen.

Ich bestelle noch einen Gin Tonic. Du setzt Dich zu mir, heute ist mein Abend, an dem ich den Konjunktiv vertreibe, ihn in Stücke reiße, Dich eliminiere. Du bist so ahnungslos, stellst Dir schon vor, wie es in mein Glas tropft, während ich auf dem Klo sitze und eine Zeichnung in der Kabine fokussiere. In Deinem Kopf bin ich sicher der perfekte Akt, die wehrlose Schönheit mit dem glasigen Blick.

Ich gönne Dir den Spaß. Verschwinde, sitze lange in der bekritzelten Kabine, gehe Schritt für Schritt zurück. Du lächelst verheißungsvoll, reichst mir einen neuen Gin. Ich konzentriere mich, die Wut breitet sich aus, meine Arme werden schwarz und haarig, ich merke, wie mein Alter Ego die Macht übernimmt und danach verschlingt ein schwarzer Strudel alle Konjunktive und Dich.

Du liegst blutend auf dem Boden, Deine Eingeweide tanzen verworrene Tänze auf dem Boden, in den Lichtern der Bar, alle anderen Besucher fliehen. Meine Arme werden menschlich, ich atme ein, atme aus. Lasse Dich liegen und schreite in die kühle, herbstliche, befreiende Nacht.

Cola?

Anaïs

Seitdem ich in Deine grünen Augen blickte, ist der Schlaf hinfort. Seit drei Nächten zähle ich imaginäre Tiere, die über einen erfundenen Zaun springen, sitze minutenlang auf der Bettkante, sehe Schatten, die mir manchmal bedrohlich erscheinen, gehe zum Kühlschrank, der nur Cola beinhaltet. Vielleicht ist es nicht die beste Idee, nachts Koffein und Zucker zu konsumieren, aber was bleibt mir noch? Seitdem Du mit Deinen Grünaugen in meinem Gehirn herumgebohrt hast, ist der Alltag nebensächlich. Du brachtest tausend Fragezeichen und den leichten, unbestimmt stechenden Geruch der Gefahr, die ich nicht erklären kann. Wenn Du mir schriebst, wolltest Du mit mir in kalte Länder reisen, mit meinen kupferfarbenen Locken im Wind spielen. In meinem Kopf wanden sich die Haare bereits um Deine dünnen Finger, ich war verliebt in die Vorstellung, Deine Metaphern. Trotzdem schienst Du undurchschaubar.

Bei unserem Treffen kautest Du unsicher an Deinen Fingernägeln, die kühne Sprache war verschwunden, Du schautest auf die Tischplatte im Café, der durchbohrende Blick des ersten Fotos war komplett unsichtbar. Du trankst Deine Cola fast in Zeitlupe, vielleicht war das Getränk doch das Einzige, was uns verband. Verunsichert verfiel ich in Belanglosigkeiten, erzählte Dir, dass meine Mutter gerne französische Romane las und ich deswegen diesen seltsamen Namen trage, der so gar nicht passend für eine Frau in einer deutschen Großstadt erscheint. Du nicktest und schautest weiter nach unten. Am Ende schenktest Du mir doch einen dieser gefährlichen Blicke, die ich nicht deuten konnte, Deine Katzenaugen bohrten sich wieder in meine Synapsen und spielten mit ihnen, ich fror und schwitzte. Bevor ich etwas sagen konnte, warst Du phantomartig verschwunden. Und nun sitze ich mit der Colaflasche auf dem Bettrand, knete meine Haare und zerpflücke die Stunden mit Dir, die Worte davor und die Möglichkeit, die Gefahr zu deuten, aber Dich unbedingt zu sehen.

Tom

Sie sitzt mir gegenüber. Ihre kupferfarbenen Locken sind vorne lose, der Dutt löst sich ein wenig im Wind. Ihre Stimme ist unfassbar melodisch, sie erzählt nervös. Ich fokussiere die Tischplatte. Warum hab‘ ich mich überhaupt auf ein Treffen eingelassen? Ich werde mich verlieben, in diese einzelnen Strähnen, die fast poetisch in ihrer Bewegung sind, in ihre Art, bestimmte Wörter zu akzentuieren und in dieses Aufgeregte, Sprudelnde in ihr. Wir werden uns beim nächsten Treffen küssen, unsere Finger ineinander verschränken, während die angehenden Lichter der Stadt uns suggerieren, dass die anbrechende Nacht alle Seelen öffnet und Liebende umfängt. Spätestens beim dritten Rendez-Vous werde ich sie einweihen müssen. Und dann wird sie ihre Locken schütteln, sich losreißen und gehen, wie die Frauen vor ihr. Dann bin ich wieder der schüchterne Freak, der im Internet Briefromane mit Metaphern verfasst und im realen Leben die Tischplatte fokussiert. Der Stoff für Mädchenromane. Mit der Rolle des Typen, der in der Schule mit dem Kopf in der Mülltonne stecken würde. Ach, Anais. Ob Du gerade Cola trinkst und Deine Locken zwirbelst? Ich vermisse Dich jetzt schon.

Anaïs

Die Colaflasche ist leer. Ich werfe sie schwungvoll in die Ecke und schreibe Dir doch. Die Antwort lässt auf sich warten, ich starre auf das Display und reiße vor Nervosität fast ein paar Haare aus. Die Minuten vergehen nicht, sie ziehen sich, wie diese neumodische, neonfarbene Knete, die Zeit ist schleimig und grün. Endlich erscheint eine Nachricht, wir sehen uns morgen, Du bist auch ein schlafloser Colasüchtiger in der sich ziehenden Nacht. Wir treffen uns in der kleinen Bar mit den Blumen an der Decke. Vielleicht können wir danach in einen Club gehen, wo wir einfach zu stumpfer Musik tanzen, ich einen Kuss auf Deinen filigranen Lippen lasse und der Alkohol Deine Ängste ein wenig auflöst. Auf einmal verschwimmen meine Gedanken, die Müdigkeit kommt schlagartig, ich lege mich versuche nun, den Schlaf zu finden, ruhig zu atmen. Vielleicht verstummen die Fragezeichen kurzzeitig.

Tom

Sie möchte mich sehen. Meine Finger zittern ein bisschen, als ich über mein Display streiche, ich könnte ihr einfach schreiben, dass sie mir nicht gefällt, wir zu verschieden sind, ich eine andere Option habe, all‘ das, was man eine Ausrede nennt. Ich fange an, die Nachricht zu verfassen, dann fällt mir ein, wie sie mit ihren Haaren spielte, mich ansah, obwohl ich den Blick nicht erwiderte, zwei Stunden versuchte, ein Gespräch zu initiieren, mich zu begeistern, obwohl ich kaum reagierte. Anais war hartnäckig, und irgendwie anders. In Briefromanen ist die Angebetete immer eine besondere Blume, ich hatte sicher zu viel gelesen, der Freak in mir wurde wieder sentimental. Ich musste sie sehen. Ich beschloss, sie morgen einzuweihen, wenn sie meine besondere Briefromanblume war, könnte sie vielleicht doch ertragen, dass ich von toten Gehirnen lebte.

Anaïs

Ich wartete an der Bar. Heute trug ich meine Haare offen, mit einem Kilo Schaumfestiger, wie in diesen Frauenzeitschriften, die ich nur im Wartezimmer des Zahnarztes las. Vielleicht wollte ich mich mit der übertriebenen Schönheitspflege nur ablenken, von der unterschwelligen Gefahr und meinen seltsamen Gefühlen zu Dir. Du kamst auf mich zu, umarmtest mich nicht, ich wich instinktiv etwas zurück, weil ich Dich nicht noch mehr verunsichern wollte. Wir setzten uns an einen kleinen Holztisch, im dunklen Raum blicktest Du mich nun doch an, Du strecktest mir Deine dünne, blasse Hand entgegen, verschränktest Deine zittrigen Finger in den meinigen und fingst heiser an, deine Geschichte zu erzählen. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, aber ich starrte gebannt in Deine Augen, fühlte Deine Hand in meiner – und war entgültig verliebt. Der Sinn Deiner holprigen Worte drang kaum zu mir durch, es war wie in Arztserien, wenn der Patient rückwärts zählen soll, bevor er in die Narkose hineinfällt, die Stimmen verzerrt klingen und der Nebel einsetzt.

Als Du „tote Gehirne“ sagte, hörte mein Narkosezustand schlagartig auf, ich erwachte und krallte mich an Deiner Hand fest, meine Finger hinterließen kleine Abdrücke auf der weißen Haut. Nun wurde mir fast alles klar. Du, mein grünäugiger Intellektueller, warst ein Zombie. Der stechende Gefahrgeruch, die Vorahnung kroch wieder durch meine Nase.

Tom

Als ihre warme Hand in meiner lag, war die Angst nur noch ein leiser Schatten in meinem nervösen Hinterkopf, eine unterschwellige Ahnung. Es klingt vielleicht unlogisch, aber ich war kitschig bereit, ein richtiger Briefromanschnulzer, der sein eigentliches Ungeheuerherz auf den alten Holztisch legte, ich sah es vor mir, es pochte zwischen mir und Anais, wie in dieser Serie, in welcher die böse Königin Herzen herausreißt, manipuliert und dann zerstört. Anais würde es nicht zerquetschen. Ihre Locken umrahmten perfekt den sonst aufgeregten Kopf, heute war sie leise, sie hörte zu.

Ich erzählte ihr, wie ich in meiner Jugend spät umherlief, ich war jung und betrunken, die Nacht erschien mir nicht gefährlich, ich fühlte mich kurzzeitig unschlagbar. Vor dem Waldstück, der meinen Weg abkürzen sollte, wurde ich von zwei Typen festgehalten, ich sah nur ihre roten Augen, die im Dunkeln leuchteten, wie Vorboten einer apokalyptischen Zeit. Der Schmerz war ganz leicht, ich hörte das Kratzen, dann ein leichtes Stechen. Sie ließen mich los. Ich war fast erleichtert, dass sie mir nichts Schlimmeres angetan hatten. Erst am nächsten Tag kam das penetrante Surren in meinen Innereien, ein kaum zu beschreibendes Gefühl, ein wahnsinniger Hunger. Die Nacht leitete mich zu den Gräbern, ich grub aus und aß. Das Surren verstummte. Ich führte ein normales Leben, niemand wusste von meinen nocturnen Aktivitäten, zumal ich tagsüber normal Getränke zu mir nahm. Doch war ich einsam, unbemerkt und nur mutig im Internet. Bis heute. Das war das Ende meiner fast klischeehaften Geschichte. Nun wartete ich auf ihre Reaktion.

Anaïs

Nach einem kurzen Narkoseaufwachmoment schaffte ich es, Dir weiter zu folgen. Du erzähltest, Dein Blick wurde zunehmend fester, die Eindringlichkeit Deiner grünen Augen war nun sichtbar, Du kralltest dich in meine Hand, sprachst von dem Zufall, der alles veränderte, Deiner Einsamkeit, dem Doppelleben, dem surrenden Hunger Als Du fertig warst, sahst Du mich an, Deine Iris funkelte sogar im Dunklen der Bar. Du seufztest fast erleichtert und wartetest. Diesmal nippte ich kurz an meiner Cola, um die Gedanken zu beruhigen. Vielleicht wäre ein Doppelleben sogar aufregend. Ich könnte überall arbeiten, ein Freelancer-Mädchen in jeder Großstadt sein, mit einem Laptop im Gepäck. Wir könnten tatsächlich in fremde, kalte Länder reisen, Gehirne gab es überall, vielleicht würde man sie bald sogar in Laboren synthetisieren, die Forschung entwickelte sich weiter. Ich wollte Dich, Deine poetische Sprache und Deine Katzenaugen, Du warst stechende Gefahr, Wagnis, aber auch ein unerklärliches Gefühl bohrender Sehnsucht. Ich stand entschlossen auf, Du erschrakst, schautest wieder zur Tischplatte. Ich ging zu Dir, nahm Dein blasses, wieder unsicheres Gesicht in beide Hände und drückte einen Kuss auf Deine dünnen Lippen.

Baupläne

Ich baue dir einen Palast. Ein imposantes Gebäude, gute Bausubstanz, alles wird dir gehören. Du darfst sogar die Form der Türme bestimmen. Den Innenarchitekten einladen, wie eine junge Prinzessin durch die Räume schreiten, mit der Nase in den imaginären Wolken. Dann legst Du Dich auf die samtige rote Couch in unserem Gemach, schnipst mit den kostspielig manikürierten Fingern und man bringt Dir Champagner, die teuerste Sorte. Mit dem zartesten Steak, das Fleisch wird fast zergehen, wenn Du es nur anhauchst. Du wirst zufrieden seufzen. Das wirst Du.

Ich baue Dir einen Palast. Wir werden dort lange leben, wie in diesen alten Zeichentrickfilmen, wo das Glück am Ende fast vom Himmel fällt. Ich werde dich einfach für immer lieben, mit dir in Wohlstand baden und irgendwann in unserem Himmelbett sterben, weil Du immer eine kitschige Schlafstätte haben wolltest. Du bist meine Prinzessin, Dein Wunsch sei mein Befehl.

Ich baue Dir einen Palast, in dem du einfach nie mehr zittern musst, in einem Boot auf dem endlosen Meer. Wo sich die Tage und Nächte nicht ziehen und niemand friert. Du schläfst zusammengekauert neben mir und seufzt leise. Ich richte Deine alte Decke. Mein Schlaf hat sich einfach in den Wellen verfangen. Wir kommen noch an, ich bin mir sicher. Und dann bekommst du deinen Palast.

Gummiboot

Fast immer hat die Nachbarin dieses Lied gesungen. Das knallrote Gummiboot, mit dem er hinausfuhr, es schmückte meine nocturnen Träume. Ich hörte es durch das offene Fenster, die fast frohlockende, warm hauchende Stimme an einem lauen Sommertag. Ich roch die Sonne nur, meine Zeit war Hausarrest, Mom brachte mir Fleischstückchen mit roter Soße. Sie las mir vor, als könnte der olle Lessing meinen Traum von dieser Sommergummibootstimme ersetzen. Ich stellte mir die Frau vor, ihr eventuelles Gänseblumenkleid und rote Kussmundlippen. Eines Tages, als Mom schlief, öffnete ich die alte Tür. Ich klingelte bei der Gummibootsängerin, sie öffnete, eine blonde, kunstvoll gelockte Strähne begrüßte mich fast, die roten Lippen lächelten überrascht, sie war der pure Sommer mit grünen Augen.

Und die Frau schmeckte besser, als die Fleischkonserven des Bestattungsinstituts. Mom wusste schon, was sie mir vorenthalten hatte und das Gummibootlied hallte noch lange in meinem Kopf.

MikroDate

Heute ist der Tag. Ich stehe vor dem Spiegel und blicke in blasse Augen, die Müdigkeit zwinkert mir fast zu, als sie ihren penetranten Walzer in meinen Augenringen tanzt. Ich müsste diese Tanzerei stoppen, Puder auftragen, Kajal und Wimperntusche, ich müsste frischer aussehen, der grauen Suppe vor dem Fenster trotzen, die Frühlingsdekoration aus dem Keller holen, aber dafür bleibt keine Zeit. Du bist schon fast da. Ich muss mich nicht schämen. Du akzeptierst mich, ich muss mich nicht verstellen, du nimmst mich, wie ich bin, mit den Falten und den Spuren des kalten Januars. In Dir löse ich mich fast auf, authentisch, alt und winterlich. Es spielt keine Rolle.

Ich spüre Deine leisen Schritte, meine Nase kribbelt, die Glieder werden schwerer. Bestimmt werde ich mich mit Dir auf das alte Sofa begeben, in fast inniger Umarmung werden wir verschmelzen, heißen Kakao trinken und Katzenvideos schauen. Mit Dir muss ich nicht arbeiten, Du hältst mich fest und lässt mich erst in zwei Tagen los.

Ich spüre Deinen Kuss auf meiner Nase, sie kribbelt erst ganz leicht, dann stärker, wie eine sich steigernde Melodie. Ich niese. Der Hals kratzt wieder. Du bist da. In Deiner Gliederschmerzenumarmung schleppe ich mich ins Wohnzimmer, ich ergebe mich Dir, dem Hustenbonbon und den Katzenvideos. Wir sind eins. Du und ich, mein liebevolles Mikrobendate.

Frösche am Rande der Stadt

Der Himmel war dunkelgrau. Schwere Wolken hingen über den Hochhäusern, als würden sie diese einfach erdrücken. Im Innenhof sangen verlotterte Katzen ein seltsames Lied.

Vielleicht waren sie nur beleidigt, weil die Nachbarskinder ihnen Kaugummis in das struppige Fell schmierten. Es roch nach Gewürzen, vielleicht kochte jemand sehr motiviert. Ich stand am Fenster. Der Zigarettenstummel glimmte. Meine Gedanken schweiften ab. Nächstes Jahr würde ich von hier verschwinden, die Siedlung verlassen, mit dem Gewürzgeruch und dem zerkritzelten Fahrstuhl, in dem zehn Mal „I love Kurt Cobain“ stand. Kurt Cobain hatte sich schon längst die Rübe weggeballert. Ich musste hier weg.

Irgendwo in der Stadt sprudelte das Leben. In den Bars saßen Menschen, tranken teuren Wein und philosophierten über das Leben. Sie gingen in ihre Katalogwohnzimmer, aßen die Sushireste und schliefen wohlstandssatt einfach ein, während mein Wecker nachts klingelte, ich die Zeitungen austrug und mit Tintenfingern zur Schule fuhr, mir eine Zigarette drehte, heimlich auf dem Schulhof rauchte und in den Unterricht schlurfte.

Der Himmel war dunkelgrau. Und ich wieder allein daheim. Alle hatten Spätschicht. Mein Bruder schlich um die Häuserblocks und hörte Musik aus billigen Handyspeakern. In der Siedlung machte man das so, es war fast ein ungeschriebenes Gesetz, die Ghettojungen hörten Ihresgleichen zu, kauften Tetrapackwein im Netto und lebten das pure Klischee. Ich wartete auf meine Familie und setzte Nudelwasser auf. Jeden Tag.

Die Katzen führten ihre Beschwerdegespräche fort. Ich drückte die Zigarette aus. Stellte mir vor, wie der Himmel aufbrechen könnte. In meinem Kopf regnete es Frösche, wie in diesem einen Film, dessen Name mir schon lange entfallen war. Frösche bedeuteten dort Unheil, eine komische Verheißung. Für mich wären sie sehr praktisch. Sie würden einfach vom Himmel fallen, in Windeseile alle auffressen, die Siedlung leer räumen, mit den Katzen Tiergeräusche austauschen und einfach in die Stadt verschwinden, Quak und tschüss.

Ich würde als einzige Person überleben, meine Sachen packen, irgendwas in den Fahrstuhl kritzeln, „I love Frösche“, oder so. Danach würde ich einfach mit meinen zerschlissenen Turnschuhen verschwinden. Das Froschfutter brauchte auch keine Zeitung mehr, ich wäre frei. Keine Schule. Keine Nudeln für die Spätschichtfamilie. Kein Ghetto-Rap. Ich sah zu den Wolken. Nichts passierte. Nur die Katzen sangen schiefe, maulige Lieder. Ich schloss die Augen. Meine Zeit würde kommen. Und fast färbte sich der Himmel grün.